Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Erstes Buch.

Phantastik.

Charak-
teristik
der indi-
schen

Architektur

Fremde Ein-
flüsse.

Resultat.

So verständig diese Gesammtanlage war, so phantastisch ist die Art, wie
sie von den Indern ausgeführt wurde. Schon der seltsame Gedanke, mit dem
Tempel sich in den Granitkern der Erde hineinzuwühlen, spricht dafür. Wenn
der Mensch mit dem Bauwerke, durch das er sich als frei organisirendes
Wesen den Naturgebilden gegenüber stellt, sich in den Bann der Naturzu-
fälligkeit hineinbegibt, so erkennt man daraus deutlich, wie unauflöslich die
Fesseln derselben seinen Geist umstricken. Hier musste die Launenhaftigkeit
der Bergformation, die unsymmetrische Gestaltung mit all ihren Seltsamkeiten
so bedingend eingreifen, dass an eine organische Consequenz der ganzen An-
lage nicht zu denken war. Unter diesem Banne nahmen selbst die Glieder,
an denen am ersten das statische Gesetz eine organische Bildung hätte hervor-
rufen müssen, wie wir gesehen haben, eine phantastische Form an. Endlich
musste in der Behandlung des Einzelnen jener wilde Taumel durch alle er-
denklichen Linien, jenes unzählige Wiederholen gewisser Thiergestalten sich
kund geben, welches überall den Blick verwirrt. Der Geist, der den über-
gewaltigen Naturbedingungen zu entfliehen suchte, fiel immer wieder in ihre
Gewalt zurück; der Mensch kam eben, wie Kapp bezeichnend sagt, nicht über
die Natur hinaus, die, immer nur sich selbst wiederholend, dem Geiste ein
Gleiches an timt und ihn nicht aus seiner Unfreiheit und seinem statarischen
Dasein zur Freiheit der die Naturfesseln abschüttelnden Entwicklung losgibt.

Erwägt man, dass zwischen den jüngsten indischen Bauwerken und den
ältesten bekannten Denkmälern ein Zeitraum von beinahe zwei Jahrtausenden
liegt, so wird dadurch die Zähigkeit, der Mangel an Entwicklung in der indi-
' sehen Architektur in’s helle Licht gesetzt. In der That ist Maasslosigkeit der
Phantasie, grenzenlose Willkür der Formbildung, gänzlicher Mangel an orga-
nischer Durchführung der fast immer sich gleich bleibende Charakter jener
Kunst. Auf einem solchen Gebiete kann von Entwicklung in höherem Sinne
des Wortes nicht die Rede sein. Eben so wenig wie Indien eine Geschichte
hat, besitzt es eine historische Entfaltung der Architektur. Es ist bei jenem
Volke sowohl in Leben, Sitte und Religion, als auch in der Kunst nur von
Zuständen die Rede, die mit geringen Modificationen durch die Jahrtausende
sich gleich geblieben sind.

Auch eine Einwirkung anderer Architektursysteme auf das indische haben
wir im weiten Bereiche der Denkmäler nicht zu entdecken vermocht. Wohl
werden einzelne geringfügigere Einflüsse der Art eben so gut stattgefunden
haben, wie noch heute von Seiten der modern-europäischen Architektur auf
die indische bemerkt wird. So mögen in den westlichen Indusländern ver-
einzelte westasiatische, so mögen später gewisse mohamedanische Motive von
den Prachtbauten der Eroberer sich eingeschlichen haben: ohne Zweifel aber
verschwanden sie in dem Chaos der indischen Ornamentik wie ein Tropfen im
Meer, ohne jemals einen formenbestimmenden Einfluss erlangt zu haben.

Hiermit wäre das Bild der indischen Architektur in seinen wesentlichen
Zügen vollendet. Wir fanden ungeheure Kräfte in Bewegung gesetzt, massen-
hafte Unternehmungen gefördert. Aber die Schönheit war jenem Streben ver-
schlossen; Harmonie und Klarheit blieben fern, wo eine maasslose Phantasie
alle Formen ins Ungeheuerliche verschwimmen liess.
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