Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

Page: 290
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Viertes Buch.

Reichere

Ausbildung

Klasma: ein ungefähr quadratischer Bau, aus dessen Mitte eine Kuppel sich
auf vier Pfeilern erhebt, und dessen Chor durch drei Halbkreisnischen gebildet
wird. Am Aeusseren fällt die Bogenform der Giebel und die reiche Decoration
auf. Die Kirche des li. Georg in Oriew Palsk zeigt dagegen das griechische
Kreuz mit einer Mittelkuppel auf vier Pfeilern und ähnlicher Anordnung des
Chores. Die Decoration dieser Bauten bewegt sich dagegen in einer spielenden
Arabeske, welche nach maurischer Art die Flächen überspinnt und aus by-
zantinischen, romanischen und orientalischen Motiven sich zusammensetzt.
Die Kuppeln erhalten stets eine schlanke Erhebung und eine zwiebelförmig
ausgebauchte, ganz in Gold strahlende Bedachung. An anderen Kirchen be-
gnügt man sich nicht mit einer Kuppel, sondern fügt noch vier andere auf den
Ecken des Baues hinzu, wie an der Usbenski’sclien Kirche im Kreml zu
Moskau, die aus drei gleich breiten, durch vier Rundpfeiler getrennten Schilfen
besteht. Hier zeigt sich der wilde Formenwirrwarr des acht russischen Styles.
Denn während die Rundpfeiler des Innern, die gleich den Wänden mit Malereien
überzogen sind, das rohe byzantinische Trapezkapitäl haben, sieht man am
Aeusseren Blendgalerien auf Säulen, deren Schäfte wie im romanischen Styl
mit Ringen geschmückt sind, und die Rundgiebel der Chorseite ruhen über
den fünf Altarnischen auf cannelirten Säulen mit ionischen Kapitalen. — In
blosse Spielerei arten die Kuppeln aus, wenn ihrer elf in kleinen Dimensionen,
aber minaretartig schlank und mit lauter vergoldeten Zwiebeldächern und reich
geschmückten Kreuzen über dem Dach aufsteigen, ohne mit der Construction
des Innern zusammen zu hangen, wie an der „Kirche mit den goldnen Gittern“
im Kreml zu Moskau, oder an der kleinen Nikolaikirche daselbst, wo
das Innere ein niedriges Tonnengewölbe mit Stichkappen hat, das Dach aber
gleichwohl mit fünf hohen Zwiebelkuppeln bekrönt ist. Das glitzernd Lustige,
Kecke und Schlanke des Aeussern steht hier wde bei den übrigen äclit russischen
Kirchen in bezeichnendem Gegensätze zu dem niedrigen, ängstlich gedrückten
Innern. In den Formen des Aeusseren mischen sich Kielbögen, geschweifte
Spitzbögen, Rundbögen mit allen erdenklichen Phantastereien des Orients.
Einfachere Anlage, jedoch in späten, entarteten Formen findet man auch in
der kleinen Marienkirche im Kreml, wo eine hohe Kuppel auf vier Pfeilern
aus einem quadratischen Bau aufragt.

Den Höhenpunkt erreicht dieser Styl aber erst in jenen Kirchenbauten,
■ die auch in der Grundrissbildung die einfach klare Anordnung byzantinischer
Kirchen abstreifen und dafür zu den überschwänglichst complicirten Anlagen
übergehen. Das Muster- und Prachtwerk dieser Art ist die schon genannte
Kirche Wassilij Blagennoi. Der Hauptbau hat einen achteckigen Kuppel-
raum auf quadratischer Basis, an welche sich ein trapezförmiger Chor legt.
Diesen Mittelbau, dessen Kuppel von einem zuckerhutförmigen Tliurm-Monstrum
überstiegen wird, umringen acht kleinere Kuppelbauten, vier davon in acht-
eckiger Anlage, zwei in quadratischer, zwei endlich in schwer zu beschreibenden
unregelmässigen Grundformen, wo schiefe Seiten und stumpfe Winkel eine
grosse Rolle spielen. Verbunden wird dies wunderliche Conglomerat durch an-
gebaute niedrige Hallen, bekrönt ist es von den tollsten Kuppelfratzen, die je
ersonnen wurden, und die alle vom Mittelthurm überragt werden. In der
überschwänglich reichen Decoration machen sich gewisse völlig barbarisirte
Renaissancemotive seltsam breit. — Eine kleinere Nachahmung dieses Baues
bietet die Kirche zuDjakow bei Moskau, wo ein grösserer polygoner Mittel-
bau von vier ähnlichen kleineren umgeben wird.
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