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DIE BAUMZEICHNUNG ALS PSYCHISCHE PROJEKTION

Ein wesentliches Charakteristikum aller Kunst ist die schöpferische Gestaltung. Der Künst-
ler schafft aus seinem eigenen Erleben heraus; die in seiner Seele ruhenden Eindrticke werden
im Kunstwerkzum individuellen Ausdruck. Jeder Kiinstler hat seine eigene "Sprache". Wer
könnte die Raffaelschen Gestalten nicht von denen eines E1 Greco oder eines Rubens unter-
scheiden? Wer in dem Kunstwerk nur ein optisches Spiegelbild unserer Welt oder eines ih-
rer Teile sieht, verkennt den essentiellen Vorgang beim "Prozeß der künstlerischen Zeu-

gung”

Von Seiten der Psychologie her wäre zu sagen, daß bei der Entstehung einer Zeichnung
oder eines Gemäldes zahlreiche seelische Kräfte zusammenwirken und nun in einerkiinst-
lerischen Einheit Gestalt annehmen. Mit Recht wird öfters auf die Verwandtschaft zwi-
schen Zeichnung und Schriftbild hingewiesen. "Während aber beim Schreiben die Bewe-
gung sich einer konventionellen Form anpassen muß, hat sie beim Zeichnen eine darstel-
lende Funktion. Doch ist dieser Unterschied wohl nicht sehr entscheidend, da die Lenkung
der Bewegungen in beiden Fällen mit von inneren Bildern bestimmt ist" (42). Mit einer
gewissen Einschränkung können Zeichnungen als partielle Projektion der Psyche des Zeich-
ners gelten. Wichtig ist zu beachten, daß die Projektion von innen nach außen sich nicht
auf der Ebene des bewußten Wollens abspielt. Wenn Goethe einmal sagt, daß das, was
am Kunstwerk als Natur auffällt, nicht Natur (von außen) sei, sondern der Mensch (Natur
von innen), so hat er damit einen Gesichtspunkt moderner psychologischer Kunstbetrach-
tung vorweggenommen (43).

Auf Grund eingehender Kenntnis der Mythengeschichte kam der Schweizer Berufsberater
Emil Jucker auf den Gedanken, durch das Zeichnen von Bäumen Seinsschichten der Ge-
samtpersönlichkeit ernes Menschen aufzudecken. Das zunächst intuitive Ausdeuten von
Baumzeichnungen wurde von Karl Koch zu dem bekannten "Baumtest" weiterentwickelt.
Die Baumzeichnung ist der Trägerder Projektion. Das Objekt "Baum" wird in der Zeich-
nung subjektiv geformt. Die Zeiclinung besitzt "eine innere Verwandtschaft zum Baum-
schema der Seele" (44). Der Berner i>sychologe Meili gibt zu, daß die Baumzeichnung
auf gewisse Besonderheiten aufmerksam machen kann, ja, daß in ihr die betreffende Per-
sönlichkeit in "frappierender Weise" abgebildet werden kann; "man kann dann den Men-
schen sozusagen im Baum sehen" (45).

Der Leser braucht nicht zu befiirchten, daß wir den Charakter der Künstler auf Grund ihrer
Baumdarstellungen zu eruieren versuchen. Wer glaubt, einen Künstler iiber sein eigenes
Kunstwerk "testen" zu können, gerät sefir leicht auf psychologische Abwege, womit aller-
dings nicht die Tatsache iibersehen werden soll, daß auch der künstlerische Mensch nicht
iiber seinen eigenen Schatten zu springen vermag. Eine genauere Betrachtung von Baum-
darstellungen wird vor allem vom Gesamtbild ausgehen müssen. Und hier ist der Baum -
 
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