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BAUM UND MENSCH

Tief eingewurzelt ist der Glaube an eine Wesensgleichheit von Baum und Mensch. Schon
lange vor den modernen pflanzenpsychologischen Erkenntnissen wurde den Bäumen eine
Seele zugesprochen. So glaubten die Germanen an eine Beseelung des Baumes; die Baum-
seele sollte in weiblicher Gestalt erscheinen können und in der Mitte zwischen menschli-
chem und göttlichem Dasein stehen (168). Den Baum dachte man sich auch als Wohnsitz
menschlicher Seelen (Kinderherkunft) und der Geister. Die dem Baumgeist darzubringen-
den Opfer (oblationes ad arbores) werden öfters in alten Bußbüchern erwähnt (169).

Im Volksglauben spielt unter den Pflanzen der Mandragoras (=Alraun) eine geradezu ma-
gische Rolle; inverschiedenenGegendendachtemanihnsichals”akephaios daimon". Der
Name der Pflanze ist jedenfalls nicht griechischen Ursprungs und stammt vielleicht vom
persischen mardum-gia, was Menschenpflanze bedeutet. Bei den Türken heißt die Pflanze
noch heute Adam Kökü, das heißt Menschenwurzel. Im Alten Testament findet sich der
Mandragoras unter det Bezeichnung dudS' lm und spielt eine Rolle im Fruchtbarkeitszauber
(vgl. Genesis 30, 14f). Beda Venerabilis schreibt über die Pflanze: "Mandragora habens
radicem formam hominis imitantem” (170).

Der Baum dient als Behausung den Heiligen und den Hexen, den Weisen und den Narren.
Auf spät- und nachmittelalterlichen idealtypischen Bildern ist ein Baum oder Strauch ein
wesentliches Attribut des Aristoteles, des antiken Wundertäters Appolonius von Tyana (1.
Jahrhundert nach Chr.) und des neuplatonischen Philosophen Jamblichos (171). Das Wort
Hexe ist etymologisch vom althochdeutschen hagazussa (angelsächsisch haegtesse) abzu-
leiten; es bedeutet Zaundämonin. Zur Wortfamilie "hag" (ursprünglich Gebüsch, dann
Umzäunung) gehören auch Hecke und Hain. Die Hexen sind also in jeder Beziehung mit
dem Gehölz verwandt; die ihrem Wesen adaequaten Attribute können nur aus Holz sein.
Man vergleiche dazu die Hexenstudien von Bosch; die eine Hexe sitzt auf einem hölzer-
nen Scheibenrad, hat einen aus Weiden geflochtenen Korb auf dem Kopf und im rechten
Arm einen Spinnrocken, dessen Stock sich in die Wolle spießt. Besonders in der Walpur-
gisnacht (Nacht zum 1. Mai) treiben die Hexen in Hain und Wald ihr Unwesen; bekannt
ist der Holzschnitt "Hexensabatt" des Hans Baldung Grien. Bei Goyas Radierung "Wunder-
liche Torheit" wird die Fragwürdigkeit des Lebens durch einen dürren Ast angedeutet, auf
dem die närrische Menschheit sitzt (Graphisches Werk der Disparates, 3).

Bei der Betrachtung des Themas "Baum und Mensch” wollen wir auf Paul Klees "Jungfrau
im Baum" (1903) hinweisen. Die Radierung befriedigt weder das ästhetische Gefühl noch
den Eros. Nicht zu Umecht sprachen Kritiker der Münchener Sezession 1906 zu einigen
ausgestellten Bildern Klees von "wahnsinniger Anatomie", die "selbst der wüsteste Traum
nicht ersinnen könne". Doch Klee ging es gar nicht um die Jungfrau, auch nicht um den
Baum, sondern um das Zusammenspiel von Natur und Mensch. Nicht die schillernde Ober-
 
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