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ATTRIBUTE DES BAUMES

Das im Bild eingefangene Attribut des Baumes hat eine ähnliche Bedeutung wie das im
Wort zum Ausdruck gebrachte Epitheton eines Menschen. Wollte man sich mit einer Bausch-
und Bogenabgrenzung zufrieden geben, so könnte man sagen: Früchte kennzeichnen den
Lebensbaum, Wasser deutet auf den Baum der Weisheit, und Lichter oder Gestirne gehö-
ren zum Weltenbaum. Mit anderen Worten ließe sich auch formulieren, daß die drei ver-
schiedenen Arten von Attributen als Hinweise auf die Bereiche des Bios, des Logos und des
Kosmos aufzufassen sind. Bei genauerem Zusehen ist die Grenzziehung jedoch viel schwie-
riger. Nicht nur, daß der Bios vom Logos und Kosmos "überlagert" wird, die arborsapien-
tiae umfaßt auch die Funktionen des Lebensbaumes einschließlich seiner durch die mortifi-
catio festgelegten Kehrseite, und der Weltenbaum muß konsequenterweise als "Allumfas-
sender" auch die Aspekte des Lebens- und Erkenntnisbaumes zeigen. Zu der an anderer
Stelle schon erwähnten Korrelation Wasser-Weisheit wollen wir noch einen Beleg aus dem
kabbalistischen Buch Bahir hinzufiigen, besonders, weil dabei auch der Baum miteinbezo-
gen ist: "Alle Kräfte Gottes sind übereinander gelagert, und sie gleichen einem Baum: wie
der Baum durch das Wasser seine Friichte hervorbringt, so mehrt auch Gott durch dasWas-
ser die Kräfte des Baumes. Und was ist Gottes Wasser? Das ist die Chokma (Weisheit), und
das ist die Seele der Gerechten, die vom Quell zum großen Kanal fliegen”. An anderer
Stelle heißt es über den Baum: "Ich bin es, der diesen Baum gepflanzt hat, daß alle Welt
sich an ihm ergötze, und habe mit ihm das All gewölbt und seinen Namen All genannt;
denn an ihm hängt das All und von ihm geht das All aus, alles bedarf seiner, und auf es
schauen und nach ihm bangen sie, und von dort gehen die Seelen aus" (120). Streng ge-
nommen ist dieser Baum nur ohne Attribute zu denken - wenn er iiberhaupt zu "denken"
ist -; denn wie kann das Universum durch ein Partikel ausgedriickt werden? Doch diirfen
wir andererseits nicht vergessen, daß eben dieses "Ganze" durch einen seiner "Teiie"
symbolisiert wird, nämlich durch den Baum. Pars pro toto! Der kabbalistische Textspricht
aus, daß von dem Baum die Seelen ausgehen. Die primitiven Semang auf Malakka erklä-
ren sich die Entstehung der Menschen in der Weise, daß der auf den höchsten Zweigendes
Himmelsbaumes sitzende Seelenvogel von Kari, dem höchsten Gott, zur Erde geschickt,
hier von dem Mann getötet und seiner Frau zu essen gegeben wird; dadurch gehe der Vo-
gel (=Seele) in den Fötus iiber. Somit kommen wir zu einer weiteren großen Gruppe von
Baumattributen, den Tieren, die tiefenpsychologisch häufig als Ausdruck von Individua-
tionsprozessen betrachtet werden können. Richard Karutz, der sich als anthroposophischer
Forscher mit der Materie befaßte, betrachtet das Symbol der Schlange als "Imagination
der Aufrichtekraft" und "der Rückenmarkbildung des menschlichen Organismus, der Sinnes-
nervenanlage", die Schlange “bleibt daher das Sinnbild des Wissens von der Erde und des
auf diesem Wissen beruhenden Ichbewußtseins” (121). Wenn Karutz von der Aufrichtekraft
spricht, so ist dies auch im geistigen Sinne zu verstehen. Sich aufrichten bedeutet selbstän-
dig werden, sich lösen von der Erde (hybris!), sich der göttlichen Vormundschaft entziehen
(SUndenfall!). Das menschliche Sich-Aufrichten kommt in einem melanesischen Mythos
 
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