Müller, Hinrich
Die Brückenbaukunde in ihrem ganzen Umfange: ein Handbuch für Ingenieure und Baumeister (Band 3): Die Erbauung der steinernen Brücken — Leipzig, 1860

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Dritte Mheitnng.

Die Erbauung der steinernen Brücken enthaltend.

Erstes Capitel.

Von den steinernen Brücken im Allgemeinen.

§. 1. Einleitung.

26enngleich vorauszusetzen ist, daß die Verbindung zweier Ufer durch
eine Brücke schon bei den ältesten Völkern üblich gewesen, nachdem dieselben
die Unzulänglichkeit der Verbindung durch Schiffe oder Flöße erkannt haben
mochten, so sind doch gar keine Ueberreste auf unsere Zeiten gekommen, woraus
hätte entnommen werden können, daß man zu den damaligen Zeiten schon
steinerne Brücken gebaut hätte. Aegypten, so wie auch Griechenland, weisen
keine Brücken ans; dagegen wurden unter der Römerherrschaft viele Brücken
gebaut, und zwar sowohl bölzerne als auch steinerne. Die steinernen Brücken
der Römer, deren noch einige bis ans unsere Zeit gekommen, zeichneten sich
aus durch starke Strebe- und Mittelpfeiler, welche durch Gewölbe nach der
Halbkreisform mtt einander verbunden wurden.

Unter der Gothenherrschast wurden ebenfalls mehrere steinerne Brücken aus-
geführt, die aber durch schmale Pfeiler, welche mit einander durch spitzbogen-
förmige Gewölbe verbunden waren, sich auszeichneten, und wovon ebenfalls
noch mehrere bis auf unsere Zeit sich erhalten haben. So erbaute unter an-
dern um das Jahr 500 der Gothenkönig Theodorich die Wasserleitung von
Spoleto, welche aus 10 großen gothischen Bögen von 68 Fuß Spannweite
besteht, und deren mittelste Bögen eine Höhe von über 300 Fuß haben.

Während der nunmehr folgenden unruhigen Zeiten, wo die Baukunst ihrem
Verfall entgegenging und ganz darniederlag, wurde für den Brückenbau nur
wenig oder gar nichts gethan. Erst im zwölften Jahrhundert fing man wieder
an sich damit zu beschäftigen. Es bildeten sich Brüderschaften und fromme
Gesellschaften, welche es sich zur Pflicht und Aufgabe machten, gehörige Com-
municationen durch Aufführung von Brücken wieder herzustellen. Die in dieser
Zeit erbauten Brücken waren aber meistens den römischen Brücken nachgeahmt
und die Brückengewölbe hatten ebenfalls die Form des Halbkreises. Die Pfei-

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