Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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Bildnis nnd beitcharakter.

ehcr verworfcn hätte, rreil sie trotz allem in der Knnst
nicht cben hoch geachtct sind. Die je länger je mehr
sich oertiefende Schätzung des altdeutschen Porträts, die
nnserer lauten cmd schnellen Zeit eigentlich srcmd scin
inüßte, scheint ein Aeichen der ErkeicntniS zu sein und
ein ftillschweigendeS EingeftändniS, daß man recht wohl
fühlt, wo die einfachere und ftärkere Kunft deS Porträts
zu suchen ist. Auch sällt unter auSübenden Künftlern bei
der Kritik moderner Bildnisse nicbt sclten ein Wort, das
keine Auszeichnung bcdeutet und dessen Begriff überall
sonfthin eber weist, alS aus eine einwandsreie Kunftübung.

Man kann bcutc oiele Künftler klagen hören, daß
sie Sklaoen der Ausftellungen geworden seien. NichtS
ift begründeter. Die befferen Regungen deS künftlerischen
Gewiffens mabnen auch zur Umkehr, zu der ineist dem
Einzelnen nur der entscbloffene Mut seblt. Eö ift auch nicht
zu bestreitcn, daß mancbes obne Not preisgegeben worden
ist, was einft als unumstößliche Forderung deS guten Ge-
schmacks galt. Guten GeschmackS, iveil damit ein der
Kunft innewobncndcS Gcsetz ersüllt wurde. Nun will
man immer über den scblecbten oder rückständigen Ge-
scbinack deS Publikums klagen und doch ift der Künftler
selber nur allzuscbncll bei der Hand, dcn etwa noch
oerbliebenen guten zu oerletzen oder umzuwertcn. Hier-
bin gebört aber in erfter Lun'e der Jnftinkt sür daS
ricbtige Format. Daß alles ausS Repräsentatioe bemeffcn
ivird, was innertich nicbt das geringfte damit zu schaffen
bat — wer gewinnt dabei anders als dic Ausftellung?
(d. b. ibre Ausmacbung!) Vor Dutzenden solcber Werke —
es wollen ja alle Schlagcr sein, Scblager! und nur
dies! — können beute die Künftler sich sragen: Wie
wcit ift dicS, wenn ich nur einc Hauptlinie oder eine
Farbe um ein geringes übertreibe, noch entsernt oon
der Wirkung eines Straßenplakats? Es pslegen aucb
wirklich Raumeinteilung, Farbe, Liniensührung, Fleckcn-
oertcilung, nicbt selten auch eine Absicbtlichkeit in Gefte
und Haltung unoerkennbar in dieser Richtung zu weisen.
Man ift eben bereits gewobnt, die Wirkungen, die man
überall an den Litsaßsäulen sicht, auch in den Räumen
der Ausftellungen sucben zu wollcn. Wie es aber nie
dem Karikaturisten leicbter gemacht wurde, als heute,
den Sinn eines Bildniffes in scin Gegcnteil zu oer-
drehen, so sällt es umgekehrt manchem ernften Maler

lberftlder Familienporträts.

Vorftehende Arbeit konnten wir — wie es unS
schien — glücklicb ergänzen durch dic Ab-
bildungen oon Elberselder Familienporträts z.ft. im dortigen
Muscum. Iwar seblten in dieser Ausftellung — dazu
ift die Stadt zu jung — die alten Meifter: aber trotz-
dem gab es einen Wertmesser sür die Entartung dcr
modernen Porträticrkunft in den Kollektionen oon
Heinrich Cbriftopb Kolbe und Richard Secl. Kolbe
(1772 —I8Z6) in Düffeldors gcboren und geftorbcn und
meist dort lebend, scheinr ein Lieblingsmaler deS
Wuppertals gewesen zu sein. Vicrzehn Porträts Elber-
selder Bürger und Bürgerinnen hatte vr. Fries zu
einem ftmberen Kabinett oereinigen können: lauter
Stücke einer ftftiden Austragsmalerci, gcgcnüber moderncn

schwer, den Darzuftellendcn nicht oon oornherein in
mehr oder minder deutlicber Plakatwirkung auszusaffen;
oder er ertappt sich mitten in der Arbeit aus diesem
Wege und siebt sich genötigt, die ganze Anordnung
umzustoßen, wobei er sich wobl bänglich sragen mag:
Werde ich nun aber auch nicht trioial oder kitschig werden?

Täuscht nicht alleö, so nimmt heute das Porträt je
länger je mehr eine Richtung nach dem Dekoratioen
und Falsch-Repräsentatioen an und bewegt sich auf Un-
kosten deö Jndioiduell-Physiognomischen nacb dcm bloß
Charakteriftiscbcn bin, das bi'S nahe an die gesährliche
Grenze der Karikatur gesübrt wird. Wie denn im
Cbarakteristischen überhaupt der crste Keim der Karikatur
oerborgen liegr. Mag zu solcher Versuchung deS Künft-
lerS ost genug sein Modell allen Anlaß bieten, so läge
es ihm ob, ibr zu widerftehen oder entgcgenzuhandeln,
wie eö die altdeutschen Bildnismaler auch getan haben.
Denn eS gilt bier nicbt, cine überlegcne und witzelnde
Kritik am Gescböpse, sondern einc liebeooll sachlichc Dar-
stellung desselben zu geben, da wir eö doch nicht beffcr
inachen könncn. Statt dessen scbeinr sich abcr der
Maler cher ein griinmiges Vergnügcn daraus zu machen,
der Versucbung zum Charaktcriftischen aus halbem Wege
entgcgcnzukommen. Ein spätereS Geschlccht wird dies
seiner und unangencbmer empfinden alS wir, die in
diescr Lust deö Spöttelns und Witzelns leben und schon
scbicr daran gewöbnt sind, den Glauben an ein Hciliges
im Menscbcn, soweir er Dbjekr der Kunst ift, schwmden
zu seben. Dieses offenbarte sich aber in der liebe-
oollen kritiklosen Wiedergabe des Rein-Eben-
bildlichen. Was unö als Ersatz dasür im Großzügig-
Dekoratioen oder ini Cbarakteriftischen gcboten wird
wem gilt das? Etwa der Person? Nein! Nur einer
sür Künftler und Dargestellten oielleicht augenblicklich
ivichtigen, sür Kunft und Menschhcir aber recht belang-
losen Sache: den Kunftausstellungen, in denen sich heute
Angebot und Nachsrage zu regeln suchen. Und so dars
man sich sragen, wcr heutc eigentlich der Besteller ist?
Jn erfter Reihe die AuSftellung. Und was der
Künftler ift? Aussteller! Und der Austraggcber? Ein
Modell aä Iioo! Da kann oon eincm persönlichen
Verhältnis beider „Parteien" zum BitdniS kaum mebr
die Rede sein. K. Ammann.

Künften oon eincr „bcmitleidenswerren" Nüchternhcit.
Aber man sehe sich einmal diesen Herrn Iobann Wil-
helm Iakob Hauptmann mit der langen Pseise an:
wer beute oermag solch einen Typ und zugleich so oicl
Persönliches schlichter und eindringlicher zu geben.
Die Malerei im Ganzen hat nicht mchr die schönc
Klarbeit dcr Alten: aber der Kops alS BildniS ocrmag
sicb wobl dagegen zu halten.

Das aber war nur ein Austrag: der Künftlcr hat
auch seine Frau und seine Tochter gemalt, und nament-
lich die Tochter nicht als Auftrag. Da kommt aus
einmal der Maler heraus mit einem hellblauen zarten
Bild, darin eine Landschast hetl und licht ziemlich die
Entwicklung cines balben IabrhundertS oorweg nimmt und
eine Menschenblüte zugleich mit einer Menschenzeit uns
so nabe bringt, daß wir betroffen oon einer solchen
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