Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Hrsg.]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

Seite: 128
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Clemens Brentano.

sind daraus entnommen. In späterer nnd verschlechterter
Fassung sind die beiden in den gcsammelten Werken
abgedruckt. Jn diese Zeit sällt wohl auch die Ent-
stehung dcs Gedichtes „Treulieb Treulieb ist verloren".
Ein einzig langgezogener Aufschrei des Künstlers nach
dem Bilde, das er sich schuf und in sich trägt, und
das er nun iin Leben immer suchen muß — und als
er es gesunden glaubt, da höhnt es ihn: „du Tor,
das Ewig-Weibliche und das Phantom, nach dem du
sagst, war nie und nirgends als in dir!" Eiic er-
schütterndes Symbol! — Eo ist nicht das schönste tiefste
vollendetste Gedicht Brentanos, aber es braust am
stürmischsten und größten auf aus der Branduirg seiner
Sehnsucht. — Dann währcnd seines mehrjährigen
Ausenthaltes in Böhmen schrieb er „Die Gründung
Prags", ein historisch-romantisches Drama großen Stils,
das er dreimal umformte — seine ausgesührteste und
reisste Dichtung. Zur Aussührung kam es nie.

1814 ist er wieder in Berlin. Die Krankheit seiner
Seele war zeitüber langsam fortgeschritten, zu Ansang
nur periodisch, nun ganz in sein Bewußtsein tretend
und ihn marternd. Jm Grunde cinsam sucht er
angstvoll einen Glaubenshalt. Die katholische Kirche
ragt vor ihm empor. Er ringt, ob cr sich an sie
klammern soll. Katholisch werden war ein müder Iug
der Zeit. Doch noch ist ihm der letzte Schritt unmöglicb,
noch hat er sich nicht selbst verloren, der Künstler in
ibm überwiegt. Es entstehen scine wenigen gestalteten
Gedichte religiöser Art, vor allem „Die GotteSmauer".
Hier drängt sich eine künstlerisch-ästhetische Bemerkung
auf: Brentano schrieb nach seincm späteren Aufgehen

apoleen und die Rheinlande.

Denke ich an dcn großen Kaiser, so wird es
in meinem Gedächtnis wieder recht sommer-
grün und goldig. Eine lange Lindenallee taucht blühend
cmpor. . . Jch spreche vom Hosgarten zu Düsseldorf,
wo ich oft auf dem Rasen lag und andächtig zuhörte,
wenn mir NoiEun 1o 6lranä von den Kriegstaten des
großen Kaisers erzählte... ich sah den Kaiser, die Fahne
im Arm aus der Brücke von Lodi — ich sah den Kaiser
im grauen Mantel bei Marengo. . . ich sah, ich hörte
die Schlacht bei Jena. . . Und der Kaiser mit seinem
Gcfolge ritt mitten durch die Allee. Die schauernden
Bäume beugten sich vorwärts, wo er vorbeikam. Die
Sonnenstrahlen zitterten furchtsam neugierig durch
das grünc Laub . . . Und auf diesem Gesichte stand

geschrieben: „Du sollst keine Götter haben außer

mir".

Wie Heinrich Heine haben unzählige damalige Rhein-
länder übcr Napoleon gedacht. Es ist billig, sich über
ibre vatcrlandslose Gesinnung zu entrüsten. Man er-
weist ihnen damit einen schlechtcn Dienst. Sie sind
vielfach aucb unter und trotz der französischen Herrschast
Deutsche geblieben. Die deutsch-rheinische Kultur läßt
sich nicbt über Nacht oder in wenigen Iahren durch die
französische verdrängen. Aber freilicb, dcr große Kaiser
bat es ibnen allen angetan. Zweimal, 1804 und 1811,

üt er am Rbeine gewesen und nicbt nur mit dem

in der Kirche faft nur noch „geistliche Gedichte", und
sie sind sämtlich wertlos. Beweist: Ein Kunstwerk frei
und stark kann nur geschaffen werden, solang der
Künftler menschlich unabhängig seinem Stoffe gegen-
über fteht und nicht beherrscht wird. Denn „alles was
der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität".
Es gibt für ihn bloß ein ästhetisches Beherrschtsein.
Brentano zeigt es klar: Mit dem Erliegen seiner mensch-
lichen Persönlichkeit erlosch in ihm zugleich die dich-
terische und sede Trieb- und Formkraft. Aber noch
einmal bäumte sich das Leben in ibm aus, und Licht
und Rettung suchend vor katholischer Nacht, in deren
Abgrund es zu stürzen drohte, schrie es nach Liebe.
Und hier die Tragik: „Treulieb Treulieb ist verloren".
Luise Henscl, der sein letzter Aufschrei galt — eine
lutberische Pfarrerstochter von lyrisch mittelmäßiger Be-
gabung, nicht unschön, doch scheinbar geschlechtslos, die
späterhin katholisch wurde — ,verwies den Hilfe-Ruser
auf die Beichte. Das brach ihn, und die unerfüllte
Leidenschaft wurde hysterisch religiöser Glaubenskult.
In diesem Todesringen werden nur selten noch Gedichte
laut. Es ist ein neueö hehres Pathos, das sie trägt.
Anschaulichkcit und Bildergröße sind am stärksten; allein
die innerste Musik ist nicht mehr so beseelt und voll.
Und doch, im „Engel in der Wüste" und dem „Frühlings-
schrei eines Knechtes aus der Tiefe" sind alle Töne
dieser heiligen Harfe nochmals angeschlagen, einen sich
zu neuen Akkorden, schwellen, schwellen — und die
Saiten reißen. Ein hoher Auf- und Ausklang. Bren-
tano starb für die Kunft im Iahre 1817.

ganzen steifen Pompe seincö Zeitalters, sondern auch von
aufrichtigein und temperamcntvollem Enthusiasmus der
Rheinländer gefeiert worden.

Was ist es, was sie an diesen volksfrcmdcn Mann
feffelt? Warum können sie ihren Blick nicht wenden
von diesen marmornen Mgen?

Er hat das rheinische Volk zum erftenmal wieder
in größerem Umfange an das Waffenhandwerk gewöhnt.
Das ist ihnen gcwiß nicht leicht geworden. Sie bieten
alle Mittel aus, um sich der Aushebung zu entziehen;
sie desertieren in Masse. Aber vor dem Feinde selbft,
einmal eingereiht in die Cadres der Großen Armee,
tun sie ihre Pflicht, halten sie unerschütterlich stand,
laffen sie sich dem Kaiser nicht abwcndig machen durch
die Leiden in Spanien und in Rußland. Einen solchen
Schlachtenlenker haben sie noch nicht gesehen. Sie beugen
sich vor dieser Größe. „11t nos äueo" steht

auf den Fahnen der großberzoglich bergischen Regimenter.
Dieser Stern wird ewig leuchten. Das ist ibr felsen-
festes Vertrauen. Die Franzosen können deshalb ohne
Mühe noch wochenlang nach der Leipziger Schlacht ihre
erlogenen Kriegsberichte im Lande verbreiten. Noch am
2. November I81Z spricht das in Aachen erscheinende
offizielle .lourual ä6 1u Uotzo von militärischen Erfolgen.
Man glaubt am Rheine an sie, wcil man trotz Aspcrn,
Preußisch-Eylau und den Nicderlagen der Freiheitskriege
den Kaiser für unbesiegbar hält. Und als die Preußen
scbon lange im Lande herrschen, habcn die kaiserlichen

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