Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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Am Niederrhem. (Nach eiaem Bild von M. Clarenbach.)

zwei Hügcl iwch cinmal gegenüber stehen: Hochelten
rechto und dicbt am Stronr, links weiter zurück und
ragender die Schwanenburg zu Kleve.

Es sind dcr Städte nicbt allzuviesi die er bcrührt;
meist liegen seine Ufer stilsi dic doch bei Bingen und
Koblenz voller Lcben waren. Der Fremdc könnte meinen,
aus einer rcichbelebten Gegcnd in eine ödere zu fabren;
er sieht nicht, wic da oben aus Gebirgen, spärlicb be-
wohnt, das Leben sich an den Fluß zusammendrängt in
einer einzigcn Straße; bier aber gehen in eincr volks-
überrcichen Gcgend tausend Wege, nur wenige kreuzcn
den Strom in langen Eiscnbrücken; doch rechts
nnd links, da ist cin Menscbenwerk im Werden wie
nirgendwo in Deutscbland, da ivacbsen Städte aus der
Erde, wo gestern nocb die Landwirtsckast bebaglich sich

m Niederrhein.'

Rheinfahrt.

Wenn das Dainpfboot mit Gesang und
Tücherschwenken am Drachenfels vorüber nach
Bonn qekommen, wenn der letzte Rückblick
auf diescn malerischen Torbau des roman-
tischen RheinS genosten ist: dann verschwinden
von den Reisenden, die auf dem Schiff ge-
blieben sind, die meisten rasch in die Kajüten,
um in Behaglichkeit zu essen.

Das Scbauspiel ist vorbei: Der lustige
Kranz der Städtchen, Burgen und Kapellen
ging zu Ende, die vielgebogene Rinne des
engen Tals mit wechselvollen Silhouetten
läuft in ein breites Land gemäcblicb aus. Ge-
büsch und Pappeln, nicht mehr die schlanken
italicnischen vom Obcrrhein, nur noch die
breiten deutschen mit ibren Riescnbesen, säu-
nren daS flache Ufcrland. Die Romantik löst
sich in Landschaft auf. Wer aber aufmerk-
samcn Auges bleibt, der fühlt sehr bald den
neuen Reiz: daS Puppenhafte, kleine Elegante,
das Luftige und Lärmende, verscbwindet. Der Horizonr
wird frci, die Umriste werden groß: der Bäume wie
der Schiffe, die uns begegnen; sie stehen nicht nrehr
kleinlich vor grünen und weinberggrauen Bergen, sie
ragen ür den Hinrnrel und zeigen ihre Fornr ur schattcn-
haften Silhouetten; das Wasser dunkelt in dcr Farbe
und breitet sich genrächlicb aus in Schilf und Land: der
Rheinfluß wird zum Stronr, Seeschiste tragend.

Anr linken User tritt das Gebirge in eincr scblankerr
Linie zurück; am rechren verliert es sicb ins breite Tal
der Sieg: bis über ibrer Mündung ein Kegel sern und
bescheiden aus der Ebene wächst: Siegburg. Dann aber
bleiben die blauen Hügel zur Rechten, bis binter Duiö-
burg (sprich Düsburg) bin, in stundenweiter Fernc und
darunr meist verdeckt, doch wcnn sie übcr grünen Feldern
und zwischen Bäunren sichtbar wcrden, in
jenenr starkcn Blau, darin die altcn Meister
ihre Fernen nralten; und wenn die Sonne
aus Wolkcn, wie ein Schcinwerser, darüber
läuft, dann scbinrnrern hochgebaute Städte und
Dörfer her in eincr großen Fülle: das ber-
gische Land begleitet acbtungsvoll dcn Nieder-
rhein zu seiner alten Hauptstadt Düsseldorf
und nracht ihm, dort im Grafenberg auf eine
halbe Stunde mit einer steilcn und wald-
bedeckten Hügelkette vorspringend, scine tiefe
Reverenz; und bleibt ihnr nah, bis an der
Ruhr das Jndustriegebiet unr Berg und
Ebene den Qualnr aus tausend Schloten legt.

Noch aber hört der Niederrhein nicht
auf: in schimmerigem Grau ziehn seine Ufer
still dahin, bis an der Grenze von Holland
als Wächtcr seiner Mündung, die nun in
viel verschlungenen Arnren sich verbreitet,

AuS einem Buch über den Niederrhein und
daS bergische Land, das in einigen Wochen üm Ver-
lag von Georg Müller, München, erscheint.

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Kaiserswerth. (Nach einer Lithographie von H. Otto.)
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