Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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as Ende von

unerzählten Geschichten.

Em Stück Novelle von Fritz Wichert.

Augenmenschen haben die ftärkften Leiden. Ich er-
fahre es selbst. Ich soll auö einer kleinen Stadt in
eine große und kann nicht. Die Bilder halten mich
fest. Was ich dort erlebt habe, ich brauche es gar nicht
alles zu sagen — ich habe es auch gar nicht erlebt. Ich
habe eö gesehen, die bunten Dinge haben Besitz von
mir ergriffen, und sie besitzen mich noch, herrschen über
mich — das ift es!

Jch bin schon übergesiedelt. Ich wohne schon am
neuen Orte, aber es ift kein Leben so. Immer wieder
windet sich mein Wesen zurück; wie eine Sprungfeder,
der man keinen freien Augenblick gönnen darf. Sie
will nicht nach vorn! Diese ewige Spannung reibt
mich auf. Ich spüre sie körperlich, auch wenn ich nichts
denke, nichts in mir sehe; immer wieder zieht es, nagt
es, und schuld daran sind die Bilder — nein — schuld
ift, daß ich sie nicht loöwerden kann.

Wie das zusammenhängt? Ich glaube, ich weiß es.
Wenn man wirklich zu schauen verfteht, verliert man
alle Gcdanken, wie in einem Rausch. Erinnert euch
nur an gewisse Stimmungen in Italien. Das Grau
der erften Olive, die Ufer des Comosees, oder ein dunkler
Torweg und das Gold der Sonne auf einer hellen
Mauer dahinter! Denkt an eine Florentiner Straße,
unten schattig-kühl, oben scharfe Ränder grellen Sonnen-
lichts, und herein leuchtet das unvergeßliche königliche
Blau! Und wie es im Süden allen geht, geht es
vielen auch bei uns. Wenn sie nur Augen haben. Ob
der Tag trübe ift, ob er heiter ift, das hat wenig zu
bedeuten. Jmmer ift daö Rund unseres Blickes aus-
gefüllt mit Dingen, an die man sich hingeben kann,
und je heißer man sich ihnen hingibt, defto schöner
werden sie.

Aber man denkt wcnig dabei. Es geht gar nicht.
Man kann nicht zu gleicher Ieit schauen und denken.
Man kann suchen und denken, das wirkliche Schauen
abcr ift faft wie Einösein mit den Dingen. Man kann
nicht mehr über sie denken, wie man sich nicht selbft
von außen betrachten kann.

An jenen kleinen Ort habe ich mich so hingegeben
gehabt, daß ich eigentlich durch ihn entftanden, aus ihm
zusammengesetzt bin. Alle meine Vorftellungen ftammen
daher. Bin ich nur flüchtig wieder dort, so wird mir
wohl. Mein Wesen wird neu aufgebaut, das Halb-
erloschene slackert wieder auf, das Verblaßte wird wieder
frisch und farbig.

Es ist eine alte Stadt und schöne dunkle Berge
liegen ganz nah. Ich kenne jedes Haus, kenne die
Berge. Und die Berge zu jeder Ieit. Wenn Schnee
gefallen ift und eö taut wieder, weiß ich, wo ein weißes
Fleckchen liegen bleibt. Im Frühling weiß ich, wo das
erfte Grün auftaucht, und wie im Herbft die Farben
sich über die Hügelwellen legen, das weiß ich ganz
genau. Wie wenn eine köftliche Decke, deren Muster mir
von Iugend auf bekannt ist, an einem feierlichen Tage
aus dem Kaften genommen und wiedcr aufgelegt wird.

Daß ich viel dort umhergegangen bin, daß ich mit
geliebten Menschen eins gewesen bin im Anschauen all
der Dinge, das ist wohl auch wichtig, aber davon darf
ich nichts erzählen.

Ein alter Dom ift auch dort, einer der schönften.

Und nun hier?-Nein! Auch hier wäre vieles,

was man lieben müßte. Wenn man nur könnte. Wenn
man nicht immer gezogen würde, sich mit dem Rücken
gegen die Iukunft zu ftellen.

Hier ift erftens ein Fluß wie ein König! Hat ihn
schon einer besungen? Ich weiß nicht. Als ich ihn
zum erftenmal sah, dachte ich, daß ich ihn lieben würde.
Er hat eine ganz glatte, gleichmäßige Oberfläche, und
sein Gang ift stolz und ruhig, fast feierlich. Er schweigt,
darin liegt viel, und daß er sich so mit seiner ganzen
Fläche, so absolut zusammenhängend unter den Brücken
durchschiebt, das ist besonders schön.

Es sind alte und neue Brücken da, und die Stadt
hat alte und neue Häuser. Die neuen werden immer
zahlreicher, die alten immer seltener. Gut nur, daß
das Alte so schön beisammen liegt. Immerhin, die
Flut der steinernen groben Riesen schwillt. Bald wird
sie alles verschlungcn haben. Es ist wie der Unter-
gang eines edlen aber unpraktischen Stammeö, der hier
der Ubermacht unterliegen muß. Uber dcm Häuflcin
ragt ein gigantischer Turm — auch wic ein König -
der Dom.

Von diesen großen Schönheiten wußte ich, als ich
herkam, um hier zu leben, aber sie gchen mich nichts
an, ich denke doch immer an das andere.

Einmal, im Winter, bin ich nachtö über die Brücke ge-
gangen. Es war in der erften ganz schlinunen Zeit, wo man
sich vor seinem Iimmer fürchtet wie ein Schiff vor dem
Hafen, wenn ein Orkan das Meer aufwühlt. Lieber ift
man auf der freien Straße. Es war schon ganz spät
und dunkel, und auf der Brücke keine Seele. Unten
ging der Fluß. Die wenigen Laternen machten einen
Schattcn auf seine Oberfläche. Von dem Rand dieseö
Schattens bis untcr die Brücke war es ganz schwarz.
Wie daö Waffer ging, sah man an viclen slachen Eis-
schollen, die unaufhörlich herankamen, sich schoben,
drängten, an dcn Stein der Pfeiler ftießen, aber immer,
immer weiter schwammen. Man sah sie als große
weiße Flecken. Iwischen den Flecken dunkle Waffer-
ftellen, und auf den Wafferftellen wieder kleine weiße
Schollen. Das Ganze bewegte sich monoton, unwider-
ftehlich.

Plötzlich, in dem Augenblick, wo die dunklen Wasser-
flächen mit den kleinen Schollen in den noch dunkleren
Schatten der Brücke kamen, erhoben sich die kleinen
Schollen und flatterten flußaufwärts — Möwen!

Jmmer wieder kamen sie geschwommcn, immer
wieder flatterte es mit raschem, aufgeregtem Flügel-
schlag ftromaufwärts. Und es war in der tiefften Nacht.

Ich ftand am Brückengeländer, und die Ieit flog
dahin. Dann kam jemand und ftellte sich neben mich
und sah auch auf die traurige Rastlosigkeit der Vögel
da unten. Er hatte ein kleines Hütchen auf, ein rundes
Gesicht, runde Augen und einen Vollbart. Er sah ein
wenig aus wie jene Waffermänner an kleinen Brünnchen:
wcnn sie die Lippen hängen laffen, fließt das Waffer,

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