Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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daß er an den elsässischen Theaterabenden daö große
Stadttheater in Straßburg biö ans den letzten Platz mit
einem Beifall erfüllt, wie er sonst nicht so leicht zu
erlangen ist? Daö sind die verwickelten und vielsach
gespannten Volkögesühle eineö annektierten Grenzlandeö,
die daö elsässische Bewußtsein durch ein norddeutscheö
Beamtentum ebenso wie durch verschlissene französische
Erinnerungen mit einem Brennstoff erfüllen, der nrnc
zwar längft nicht mehr gefährlich ist, aber doch in allerlei
lustigen Feuerchen aufflackert. Hierdurch werden alle
die kleinpolitischen Verhältnisse der Gemeinden und Ver-
eine schars und überscharf, biö zur Grenze einer Komik,
die wiederum dem einfachen Handwerkömann wie dem
Gelehrten gleich geläufig ist: so daß hier alles eine all-
gemeine Bedeutung gewinnt.

Jnsofern lebt das elsässische Theater von der spru-
delnden Kraft seineö Direktorö Gustav Stoökopf; indem
dieser elsässische Maler mit einer Glückshand sonder-
gleichen mitten in diese Dinge hineingriff und in einer
Reihe von Volksftücken die Übergangözeit des elsässischen
Volksbewußtseins, die zugleich ein Erwachen war, zu
einer Fülle der lustigsten und gewagtesten Bilder ge-
staltete. Von seinem „Herr Maire" im Iahre 1898 bis
zum „Hoflieferanten" von 1906 hat er nicht aufgehört,
die Lächerlichkeiten und Dummheiten dieses Übergangs
dem Gelächter seines elsässischen Volkeö preiözugeben;
und man kann wohl sagen, daß er so eine Art von
Volköstück geschaffen hat, die vorher nicht vorhanden
war, gleichweit entfernt von der trivialen Sentimentalität
der oberbayrischen Volköstücke wie von dem schmierigen
Zyniömus französischer Possen: Dinge der leichtesten
Hand blitz und blank, nicht beschwert durch Allgemein-
heiten, in der Charakterisierung so glücklich wie in der
mit überstürzenden Einfällen belebten Handlung und in
der außerordentlich lebendigen Sprache. Wer diese
Stücke alö Dichtungen mißachten möchte, der lese nur
einmal die ersten Seiten aus der „Demonstration", wie
da Dialekt, französische und hochdeutsche Brocken sich
übersprudeln, wie ein Einfall den andern sagt und
alleö blitzt vor Witz und lustigem Lachen.

Man könnte ja, weil nun einmal jede Dummheit
den dazugehörigen Narren hat, daran tadeln wollen, daß
es eben doch nur dreiste Schwänke seien: aber man
sehe sich einmal an, waö wir an französischen und deut-
schen Schwänken derzeit erleben: wie platt und dumm
und vorauösetzungölos ift alleö gegen diese sprühenden
Stücke, die hinter aller Lustigkeit den überlegenen Geift
eineö feinen und freien Spötterö zeigen. Schade nur,
daß sie in ihren Vorauösetzungen mehr noch alö in dem
Dialekt nur dem Elsäffer geläufig sind und somit auf
das elsässische Theater beschränkt bleiben müssen. Sie
auswärts spielen, heißt schon Possen daraus machen.
Dichter, Schauspieler und Publikum müssen beisammen
bleiben; nicht nur, damit sie nicht ihre Wirkung ver-
lieren, sondern auch, daß sie jene Vorbildlichkeit erhalten,
um derentwillen sie hier betrachtet wurden, und die
gerade in jener Einheit und Verbundenheit aller Be-
teiligten besteht. W. Schäfer.

egennacht.

Ermattet hör ich von den Kiffen
Geräusche, die mich auö dem Schlafe riffcn:
Blätterrauschen und Regenbrausen
Und Fensterläden, die in Pausen
Knallend an die Mauern schlagen.

Ich weiß, eö wird noch lang nicht tagen:

Das Dunkel hängt zäh an den Wänden,

Als könnte eö kein Morgen enden,

Und alleö, was ich gestern dachte
Ünd waö mir dumpfen Kummer brachte,

Will nun von neuem mich bedrängen:

In unbestimmten Ubergängen
Vereinen sich mir Bilder, Worte
Wie frische Blumen und verdorrte —

Mit angstvoll schwarzen Flügelschlägen
Will sich ein Schwereö auf mich legen. —

Ich taste nach dem Licht und zünde,

Eö flackert - und verlöscht im Winde,

Bevor es nur mein Bett beschienen,

Und in die Stube flattern die Gardinen. —

— Ich stehe auf und will die Fenfter schließen
Und höre Regenmengen klatschend fließen,

Und aus der feuchten Erde und den Bäumen,

Auö dem Holunder an den Gartensäumen
Eratme ich erquickend herben
Duft — — und dieseö müde Sterben
Und Vergangneö sinnen, klagen
Will mir auf einmal nichtö besagen. — —

Ich lehne mich hinaus — und wie den kühlen
Tropfenfall mein heißes Haupt, mein Nacken füblen,
Wie meine Glieder sich erraffen
Und in der frischen Luft sich straffen,

Sieht mich die Nacht die Arme breiten
Nach grenzenlosen Seligkeiten. —

Iakob Picard.

nsere Musikbeilage.

M. I. Erb, der Komponist unserer heutigen musikalischen
Beilage, gehört zu den jüngeren unter den zeitgenösstschen Ton-
setzern, hat sich aber in musikalischen Kreisen durch seine mit
Erfolg aufgeführten Opern, durch eine Anzahl kunstreich ge-
arbeiteter Lieder, sowie durch Kammer- und Orchester-Kompositionen
bereits einen sehr geachteten Namen erworben. Zahlreiche viel
gespielte Klavierstücke aus Crbs Feder sind im Druck erschienen;
eines der noch ungedruckten hat der Komponist freundlichst den
Nheinlanden überlafsen. Das stimmungsvolle kleine Stück ent-
hält keine großen technischen Schwierigkeiten; wenn der Spieler
den Klang der Orgel auf dem Klavier nachzuahmen sucht, wird
mit dem richtigen Anschlag der pafsende Vortrag sich leicht er-
geben. M.

Herauögeber W. Schäfer, Verlag der Rheinlande G. m. b. H., Druck A. Bagel, Düsseldorf.
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