Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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ariens Tor.

Novelle von Norbert Jacques.

Der Mond ging auf über der Straße dcs
Dörfchcns, und sein Licht flog plötzlich, wie eine Erschci-
nung, grün und verhalten leuchtend über das Land.

Stanislaus saß in seiner Stube. Er hatte im
Finstern müde und schlaslos den wehen Dingen scines
Lebens nachgesonnen und keine Iusammenhänge, keine
Beziehungen und keine Ursachen gefunden. Als der
Mond die vielen Gegenstände aus der Finsternis heraus-
holte und sie dann still umwob, trat er ans Fenfter
und schaute hinaus. Die Ereignisse des Mondlichtes
waren mit einer gewaltsamen Plötzlichkeit geschehen,
und Stanislaus begann ihr nachzugrübeln. Sie mußte
doch einen Sinn haben, dachte er sich, denn ostmals
erfuhren Begebenheiten seines eigenen Lebens an zeitlich
parallel laufenden Vorgängen in der Natur, denen er
beiwohnte, eine wunderbar ins Kosmische verherrlichte
Kopie: Ein Wolkenschatten, der einen Berg hinanlief,
wie cin Gcdanke ferner Schwermut übers Herz; ein
Stern, der nachts in die Weltenräume fiel, schön und
traurig, wie eine Frauenseele, die man verliert. . .

Stanislaus versuchte, in einem zeitlich geordneten
Zug die Ereignisse der letztcn Wochen an sich vorüber-
gehen zu lasten. Minni, die kleine Frau, deren süße
Drolligkeit ihm erst jetzt lieblich einging, stand be-
herrschend im Zug der Bilder. Mit Sehnsucht, Verliebt-
heit und Groll führte Stanislaus seine Gedanken um
sie herum. Er hatte sie geheiratet, nacbdem er an wie-
vielen in die lächerliche, schmerzende Verzweiflung des
Verlastenseins abgeglitten war. Sie war blutjung ge-
wesen und blond, und sie lacbte immer und wolltc
dieses Lachen in ihr Leben verflechten. Jhre Kleider
lachten, ihre Haare, ihr Gang, das Spiel ibrer Hände,
der Fluß ihrer Bewegungen, der Kreis von Luft und
Licht, der sie umftrahlte . . . alles. Stieg der Sonnen-
ftrahl durchs Fenster in die Stube, so stellte sie sicb
hinein, wiegte die Glieder in seinem Flimmern und
tanzte und lachte. Und in den Gasten lächelte ihr koketter
Gang den Vorübergehenden zu und warb heimlich und
verstohlen. Sie lachte im Haus und in den Gasten.
Und Stanislaus! War denn das Leben zum Lachen
da? Er zerrte sie mit sich über öie dunkel verschränkten
Wege seines melancholischen Wesens. Er hatte nur
Sehnsucht und nie Besitz. Er zog sie ftundenlang über
die schmutzzerwühlten, traurigcn Feldftraßen der kalten
Iahreszeiten, weil er in der Vergeblichkeit ihres trüb-
seligen Daseins etwas seiner Seele Verwandtcs genoß.
Er zwang sie, der wesenlosen, gewaltigen Trauer dcr
Regenwolken nachzuwandern. Wenn der Sturm krei-
schend sich über die Landstraßen peitschte und die Bäume
bog, mußte sie mit binaus und an der Mosel entlang
wandern und dem Groll und der rauschenden Wehinut
der nimmcrmüden Wellen ihren Sinn schenken. Stanis-
laus zwang sie. Sie wcinte heimlich des Nachts die
Kisten voll; dann trug er sie oft in eine eigene, stille
Welt von wehmütig tröstender, serner Zärtlichkeit, die
er aus den Erfahrungen scines schmerzvollen Lebens
leichter schaffen konnte; und sie sank wieder zurück, von
wo sie Tag sür Tag fliehen wollte.

Schließlich kam jener letzte Abend im Mai.

Minni wollte unter den Linden der Esplanade, deren
Knospen der Frühling sprengte, im sinnlichen Odem des
wollüstigen Maienabends tänzelnd spazieren gehn. Der
Saft, den sie in den Bäumen drängen sühlte, kitzelte
sie. Da gab es was zum Lachen, unter den Linden.
Da gingen all die Menschen der Stadt im Mai. Lachend
wollte sie unter ihnen sein. Stanislaus aber, deffen
müde Wünsche der Ausbruch dieser srischen Sinnlichkeit
verletzte, sührte sie in die Kathedrale. Er besuchte sonst
niemals Kirchen; aber die Maienandacht, die jeden
Abend Marien zu Ehren geseiert wurde, schien ihm alö
das asketisch Entgegengesetzte zu den Wünschen seiner
jungen Frau, und er wollte Minni quälen. Sie setzten
sich in eine verlastene Seitenkapelle hinein. Jn ihr
Düster schlug kaum eine Welle des milden Kerzenlichtes,
das im Chor um ein Bild der Maienkönigin strahlte.
Am Hauptaltar bewegte sich die feierliche Gruppe von
Priestern und Chorknaben in dunkelbunten Brokat-
gewändern; die duftenden Wehen entströmten den Weib-
rauchsästern und hingen schwebend im Licht, und die
Orgel rauschte hinein, und Knabcnstimmen sangen Maien-
lieder ihrer Königin zur Feier.

Jhre Stimmen waren voll herber Knabensehnsucht,
die mit unbewußten Qualen im Mai erwachte und auf-
glimmerte. Die junge Frau stand mitten in diesem
heißen Ausbruch, und das Ungeftüm und der Drang
ihrer Maienjugend rüttelten an all der aufgezwungenen
Feierlichkeit. Draußen riefen Sehnsucht und Knospen,
und das Marienbild stand so blasten, entsagenden Ge-
sichteö in der srommen Abendfeier. Sie schloß die
Augen und dehnte sich zurück, schwer atmcnd. Stanislaus
erwischte diesen Ausbruch. Die Wut erfaßte ihn. Er
fühlte in ihm den Widerftand, der sich gegen seine un-
sruchtbaren Absichtcn rieb und unsichtbar und unaus-
haltsam seine eigcnen Wege junger Sehnsucht vorwärts
drängte.

„Knie nieder!" herrschte er Minni an.

Sie tat es. Jhre innerliche irdische Erregtheit kam
ihr in dem milden heiligen Kult, mit dem um sie die
Mutter Gottes geseiert wurde, als Sünde vor und sie
verlor den Willen über sich. Sie drückte die Knie auf
die harten, kühlen Steinfliesen, neigte den Kops und
saltete die Hände und wollte beten und dachte doch
immer nur an die Lindenknospen und an die wandelndcn
Menschen der Esplanade.

Stanislaus ahnte ihren Zustand. All sein Leben
hatte er sich an ihm blutig gerieben, und alle Frauen,
die er geliebt, waren ihm im Mai entglitten. Voll
Schmerz und Zorn knirschte er ihr zu:

„Küß den Boden, du .. du . . Weib!"

Und sie zog die Lippen zwischen die Zähne, biß zu-
sammen und drückte ihr Gesicht aus die kalten Steine
und hörte dcn Fluch ihres Mannes, dcr verzweifelnd,
wollüstig und unsruchtbar über sie hinweg in die Finsternis
der Kapelle zischte.

Dann gingen sie nach Haus, und keiner sprach ein
Wort. Stanislaus wars sich unzusrieden, bereuend,
gequält ... in scinem Zimmer in einen Stuhl und sann
nach, wie er seine kleine arme Frau wieder aussöhncn
könnte.
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