Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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O^-ohann Kusterer auf Abwegen."

Von A. Supper.

Oft kommt es so, daß einer, der sich an der spröden
Erde so recht müde und krumm gearbeitet hat, aus
seine alten Tage den Himinel betrachten lernt.

Wir meinen zunächft nicht die ewige Stadt, in der
kein Leid mehr ift und kein Geschrei, in der die goldenen
Gasien flimmern und die Ströme des Lebens rauschen,
wir meinen nur die erfte Etappe dahin, den äußerlichen
Himmel, an dem am Morgen die Sonne und am
Abend der Mond ausgeht, an dem die lichten Feder-
wölkchen schweben und graugelbe Hagelwolken sich wälzen,
an dem die Röte fteht, die aus gut Wetter hinweift
und die Herde unruhiger Wolkenlämmer, die auf Sturm
deutet.

Für diesen Hiinmel, der auch über den höchstgelegenen
Bergäckern des Johann Kusterer immer noch in be-
trächtlicher Höhe ftand, hatte der Bauer bis dato nicht
viel Ieit und auch nicht vicl Sinn gehabt.

Wenn man hinter dem Pflug geht, gilts auf die
Furchen zu achten, beim Mähen muß man der Sense,
beim Schneiden der Sichel solgen, bcim Misttragen hat
man der Steine am Bergweg acht und beim Holzfällcn
sieht man auf Axt und Säge.

Jetzt aber, seitdem der Johann Kufterer zitterige
Knie und schwache Arine hat und Jüngere arbeitcn lasien
muß, jetzt schaut er dann und wann, ja immer öster
hinaus zu den Wolken und zu den Sternen.

Jm Ansang hat er nur immer die ftarken Fäden
gesehen, die von seinen und seiner Dorfgenosien Äcker
hinausgehen und von droben wieder herunter.

Wenn die Röte am Abend hell und leuchtend hinterm
Oberweilemer Wald stand, dann wußte der Johann,
daß Michel, sein Sohn, morgen mähen oder schneiden
konnte. Schob sichs unruhig hinter den Burgholzer Tannen
hervor, dann mochte die Änne-M'rei, die Söhnerin, ihre
Rüben setzen. Allmählich aber wurden diese Fäden, die
den Himmel an die Erde ketteten, immer schwächer und
dünner. Zuletzt achtete der Johann ihrer gar nicht mehr.

Wolken und Sterne wurden ihm ein Ding an sich
und sür sich. Der Alte, der nicht mehr die ganze
Nacht schlief, saß gern an seinem Kammersenster oder
auch untertags draußen am Galgenwasen, wo man die
Alb sehen soll, und überdachte Dinge, über die er früher
einfach weggepflügt, weggcmäht, weggedroschen hatte,
Dinge, die sür Faulenzer sind. Wie ist es ihm zuerst
schwer gewcsen, Faulenzer zu sein! Wenn der Eßlinger
Frieder, der gleichaltrig war, rüftig mit Sense und
Rechen auf der Schulter ain Iohann vorüberschritt, gabs
diesem einen ganzen Stich. „Jm Kopf hätt i 's no,"
murmelte er dann unglücklich; „aber meine Füß und
meine Arin."

Dann aber hatte er eS auch bald nicht mehr im
Kopf. Langsam, Schritt sür Schritt wich alles zurück,
tauchte ganz allmählich in Abendschatten und machte
Platz für anderes. Und das war gut so. Denn es
gibt nichts L-chlimmeres, als wenn es einem geht, wie

Aus „Dahmten bei uns". Verlag Eugen Satzer, Heil-
bronn. Siehe Besprechung S. IZS dieses Heftes. Die Red.

dem Schreiner Roller von Altweiler: Wenn man bei
dem eine Wiege beftellt, dann verfertigt er einen Back-
trog und umgekehrt auch. Macht man ihm Vorhalt,
so heißts: „Jm Kopf han i 's recht g'hät; aber so ists
halt worde."

Bei dem Schreiner ist einfach keine Einigkeit zwischen
Kopf und Gliedern. Wohl aber beim Johann Kufterer.

Der tut nichts mchr, als allenfalls eine Sense
dengeln oder Linsen und Erbsen verlesen und dazu denkt
er Faulenzergedanken.

Faulenzergedanken sind aber alle die, die sich mit
Dingen befasien, die den lieben Herrgott ganz allein
angehen.

Ob man Rüben nach der Gcrste oder Roggen nach
Kartoffeln pflanzen könne und müsie, das mag einen
Bauern küminern, das kann und soll cr erörtern; aber
in Sachen, die der Herrgott ganz allein besorgt, und
besorgt hat, so lang man denken kann, wie z. B. alles,
was die Stcrne angeht, oder auch die Auferstehung und
so ähnliches — in all das braucht sich ein Bauer nicht
zu inischen.

Wenn der Johann seine Faulenzergedanken zuweilen
ausspricht oder nur andcutet, dann sagt die Anne-M'rei,
seine Söhnerin, spöttisch: „I glaub, d'r Ähne wurd
sromm aus seine alte Täg; er lieft au äls in der Bibel."

„Halt dei Maul," braust dann der Alte aus, „was
wurr i denn sronun werde."

Und er flucht dann bisweilen einen recht ausgiebigen
Bauernsluch, einen von den saftigen, bei denen man den
Mund vollnehmen und hinterher ausspucken muß.

Aber er flucht ohne rechtes Temperament. Lahm
und matt, wie abgetriebene Gäule, kommen die greu-
lichen Worte daher. Es fteckt kein Feuer, kein Leben
mehr in ihnen. Kaum daß sie noch ihren letzten und
einzigen Zweck erfüllen: der Anne-M'rei zu beweisen,
daß der Ähne nicht sromm geworden ist.

Nein, srouun will der Iohann nicht werden, um
keinen Preis. Als ein Bauersmann, der des Tages
Last und Hitze gctragen, sein Irdisches wohl verwaltct
und keine Ärbeit gescheut hat, so will er aufö Ende
warten und in der Zwischenzeit sinnieren über die fremden
und wundersamen Dinge, die ibin überall auftauchen,
seit er iin Altenteil ist.

Leicht ist es dem Iohann nicht, alles schweigcnd in
sich zu verarbeiten.

Oft möchte er fragen, wie er früher in schwierigen
Fällen den erfahrenen Nachbarn oder den Schulzen ge-
sragt hat: „Ei Frieder," oder „ei Schulze, wie hältst
jetzt dus mit dcin und dem?"

Aber das waren eben ganz andere Sachen dainals.

An den Psarrer hätte er sich vielleicht wenden können.
Ia, ihr lieben Leute, das ist schnell gesagt. Aber in
ganz Oberwciler hätte cs geheißen: „Der Kusterer wird
sromm auf seine alte Täg, der laust ein Pfarrer 's
Haus schier weg."

Und die Klugen und Rechten, die, die sich auskennen
unter den Leuten, die hätten hinzugesetzt: „Der Kusterer
muß 's nett 'triebe han in seine rüstige Iohr, daß er
jetzt des G'läuf nötig hot."

Und dann noch ein Bedenken: Der Pfarrer ist so
ein Stiller. Wenn er hinter des Johann Hos vorüber


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