Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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oethe und Sulpiz Boifferee.

Das Verhältnis Goethes zu bedeutenden Katho-
liken bildet ein eigenes Kapitel im Leben deö
großen Mannes. Man kann dabei die Wahrnehmung
nicht abweisen, daß es ihm bei Katholiken weniger schwer
wurde, gegen kirchliche Strenggläubigkeit und stark aus-
gesprochene persönliche Frömmigkeit toleranst ja liebens-
würdig zu bleiben, als gegenüber ähnlichen Erscheinungen
bei Protestanten.

Jn seincr Iugend waren dem großen „Heiden", dcr
doch im Elternhaus in einer recht kühl-religiösen Atmo-
sphäre aufgewachsen war, fromme Christen durchaus
sympathisch; er scheint sich zu ihnen ganz besonders
hingezogen gefühlt zu haben. Man braucht nur die
Klettenberg, Lavater, Fritz Iacobi und Klopstock zu
nennen.

Wie sich aber die Freundschaften mit den drei Letzt-
genannten auswuchsen, ist bekannt; in zahlreichen Briefen
(und Tagebüchern) sind beiderseitige giftige Gehässig-
keiten, oft in den heftigften und ftärksten Ausdrücken,
in Menge niedergelegt, während Goethe zu gleicher Zeit
mit ausgesprochen frommen Katholiken — man denke
an die Fürftin Galizyn und ihren Kreis — aufs vor-
trefflichste sich vertrug.

Goethe hat offenbar die Katholiken toleranter ge-
funden als die Protestanten. Toleranter infolge einer
Art Ausgleichung. Im Prinzip starrer und konsequent
bis zur Ungeheuerlichkeit, kann der ftrengste Katholik
mit gutem Gewiffen in der Praris sich geschmeidiger
zeigen und - besonders auch als Priefter —weltmännischer
auftreten; daö Bewußtsein von der Unerschütterlichkeit
und Unbezwingbarkeit seiner Kirche bewahrt ihn vor
schlecht angebrachtem Eifer.

Auch ist er, als in Deutschland zur Minderheit ge-
hörend, bescheidener. Keinem Katholiken konnte es je
einfallen, an Goethe Zumutungen zu stellen, wie die
Lavater und Iacobi.

Und noch ein Gedanke mag wenigstens angedeutet
werden. In Leuten wie Lavater und Iacobi inochte
Goethe daö Prinzip des ausschweifendsten Subjektivismus,
der willkürlichen Unfreiheit und die Verdunkelung der
Vernunft aus rein persönlichem Hang und Bedürfnis
erkennen; in dem gläubigen Katholiken dagegen sah er
wohl mehr den Respekt vor Gesetz und Ubereinkommen,
Diszipliniertheit und konservativen Geist, Ehrfurcht vor
der Autorität, überhaupt ein Sichbeugen vor dem Alt-
gegründeten und Bestehenden: kurz das ftrikt Anti-
Revolutionäre, zu dem er mit vorschreitendem Alter so
mächtig hinneigte . . .

* *

*

Goetheö Verhältnis zu Sulpiz Boisseröe hat seine
Bedeutung zunächst darin, daß der „alte Heide" — wie
ihn besonders Dorothea Schlegel mit Vorliebe nennt —
noch in verhältnismäßig hohem Alter aus einer Ein-
seitigkeit, in die er sich verbohrt hatte, wenigftens vorüber-
gehend herausfand und dem Enthusiasmus seiner Jugend,
den er so lang verleugnet, noch einmal wenn auch mit
etwas kühlen Allüren nahetrat.

Diese Wandlung in Goethes Kunstanschauung, die
zweifellos als ein Gewinn angesprochen werden darf,
auch wenn man annimmt, daß sie nicht allzutief ging,
erfolgte allein auf die Anregung Boifferoes und nimmt
unter dessen mannigfaltigen Verdienften keinen geringen
Rang ein.

Goethe, der mit vierundzwanzig Iahren seinen ver-
zückten Hymnus auf den Straßburger Münster und
seinen Erbauer gesungen, hatte in Italien die Gotik und
mit ihr das ganze katholische, richtige germanische
Mittelalter vom Standpunkt der Kunst aus hassen
gelernt. Das war keine Stärke, sondern eine Schwäche.
Die Gotik ist ein Stil, ein Leben, ein Organismus
ganz für sich; sie vergleichend an der Antike zu messen,
beweift Besangenheit gerade so gut wie das umgekehrte
Verfahren. All die bekannten Einseitigkeiten des späteren
Goethe in seinen Anschauungen über Form in Kunst
und Dichtung entspringen aus dieser Befangenheit.

Luther hat sich in Rom erft recht in seinem deutschen
Christentum befestigt und verfteift, er war auöschließlich
eine religiös-ethische Natur; Goethe wurde in Rom
zum extremen Heiden!

Aber hier häkelt sich gar zu gern ein grobes Miß-
verftändnis an. Nur seine ästhetische Weltanschauung
wird konsequent heidnisch, seine ethisch-religiöse höchstens
in Einzelheiten.

„So müffen wir gestehen, daß es uns sehr be-
haglich war, durch ein erzkatholisches Land zu wandern,
ohne der Iungfrau Maria und den blutenden Wunden
des Heilands auf jedem Schritt zu begegnen". Das ist
im Iahr 1804 geschrieben, und wahrlich, das klingt
nichts weniger als heidnisch. Denn gerade den lieben
Heiden war es keincswegs unbehaglich, auf Schritt
und Tritt den Bildern ihrer Gottheiten zu begegnen,
worunter auch nicht immer nur ästhetische waren in der
Winckelmannschen Konzeption des Wortes. Eher als
nach Heidentum riecht es in dem Goetheschen Satz
ein ganz klein wenig nach Scheiterhaufen, nicht gerade
nach jenen, wo man überfromme eifernde Ketzer
verbrannte und zu Märtyrern machte, aber nach
jenen andern, wo man Gott und seine Heiligen selber,
allerdings nur m eküßW, den Flammen übergab.
Nach Bilderstürmerei fast riecht es in dem Satz,
und nicht der alte Heide, der alte Protestant schaut
daraus hervor.

Nur in der Frage des Stils war Goethe konsequent
beidnisch geworden. In dieser Konsequenz mißkannte
er nicht nur den gotischen, sondern ebensosehr den
byzantinischen Stil. Vor einem wahren Weltwunder
der Kunft, wie die Innendekoration der Markuskirche
eö darstellt, fühlt er sich abgestoßen, er vermißt daran
die heidnische „Sinnlichkeit". Als ob hier nicht durch
eine unendliche Fülle höherer, formaler Schönheiten
daö Fehlende reichlich aufgewogen würde, so sehr, daß
es vor dieser seltenen Konsequenz und Wucht des Stilö
uns gar nicht zum Bewußtsein kommt. Aber Goethe
sah mit Winckelmanns Brille und war blind für diese
Schönheiten.

Sulpiz Boisseroes Verdienst ist es, daß Goethe
diese Brille einmal vorübergehend wieder abgelegt und
sich darauf, ganz nach seiner Art, selber den Vers ge-

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