Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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Gustav vou Meviffen.

Nach dieser Seite, der ganz menschlichen, ist die
Biographie Mevissens über alle sachliche Darftellung
binaus von wohltuender Wärme. Daß der Biograph
diese Quellen fand und erschloß und mit der vollen
Verläßlichkeit eines kritisch ties und ernft abwägenden
Geiftes sür uns zum Fließen brachte, möchte ich ihm
dadurch gedankt sehen, daß sein Buch zu einem echten
Bürgerbuche in Deutschland würde. Dcnn das deutsche
Bürgertum hat cine Geschichte; es hat eine solche, weiß
cs gleich noch wenig davon, auf die eö stolz sein dars,
so ftolz, wie nur je ein Fürftengeschlecht ftolz aus seine
Geschichte oder der Adelige stolz ift aus die Geschichte
seines Standes. Und wie vor hundert Jahren das
Bürgertum sich anschickte, Einfluß zu gewinnen auf das
Geschehen und die Weltgeftaltung, so wurde heute der

O^-n Mannheim

H war ich dieser Tage erstaunt, den heftigen
Streit um eine internationale oder nationale
Kunftausstellung zur Feier deö dreihundertjährigcn Be-
ftandes dieser Stadt nachträglich recht überflüssig zu
finden. Das bißchen Malerei, was in der Billingschen
Kunsthalle untergebracht werden kann - und sei es
noch so erlesen — wird in der Riesenanlage einer Garten-
bau-Ausstellung glücklicherweise zur Nebensache werden.
Jch sage glücklicherweise, weil die Ermüdung an den
jährlich neugefüllten Bildersälen nicht mehr zu ver-
hehlen ist. Mannheim hat sich zum Jubiläum —

wie ein reichgewordener Mann, der nun die Mittel
zu dergleichen hat - eine Kunsthalle bauen lassen.
Bilder im eigenen Besitz sind noch nicht allzuviel vor-
handen, so wird zur Eröffnung durch die erfahrene
Hand von Dill so etwas wie eine gewäblte Privat-
Sammlung hineingehängt werden, wobei den badischen
Künftlern aus heimatlichen Gründen das Recht ge-
geben wird, reichlicher und unter eigener Jury beteiligt
zu sein.

Das Schönfte daran wird trotzdem der Bau von
Billing sein, außen wie innen in der marmornen
Kuppelhalle und den zart belichteten Sälen. Alle Vor-
züge Messels in Ehrcn: hier wird seinem sein erwogenen
ftilarchitektonischen Museum in Darmstadt ein Bau
gegenübergeftellt, nicht geringer in der Würde seiner
Haltung, aber überlegen alö originelle Bauschöpfung.
Selbstsicher und srei wie nur ein altes Bauwerk, aber
Geist von unserm Geist, in den Mitteln wie in der
Wirkung. Steht man heute umschauend auf dem
Friedrichsplatz: so bat man die endliche Befreiung und
Entwicklung der modernen Architektur zur Baukunst in
drei Beispielen vor sich: in der Mitte den bekannten
runden Wasserturm, noch ganz Stilarchitektur trotz
seinem modernen Iweck; rechts den „Rosengarten", die
Festhalle von Bruno Schmitz, in jener üppigen Deko-
ration, die einst in ihrer drängenden Unruhe als Er-
lösung aus akademischer Nüchternbeit begrüßt wurde;

Wille lebendig, das Tun und Wirken des Bürgertums
von der Geschichtschreibung beurteilt und gewürdigt zu
sehen. Die Anfänge dazu sind in den Biographien der
großen Dichter, Philosophen, Entdecker, der großen
Männer der Wissenschaft und Kunst längst gemacht.
Aber von Fachleuten wurde da meist über Fachleute ge-
schrieben, so daß wir aus der eng umgrenzten Sphäre
des Fachlebens selten hinausblicken. Nun wollen wir
die inneren großen und allgemeinen Zusammenhänge
all dieses Lebens und Wirkens erkennen, und daß sie
vorhanden waren und vorhanden sind, zeigt wie kaum
eine Biographie der neuen Ieit die Biographie Mevissens,
des Kaufmanns und Finanziers, des Politikers und des
an den besten und erhabenften Erzeugnissen des geistigen
Lebens gebildeten und genährten Geistmenschen.

Mathieu Schwann.

und links endlich die Erfüllung in den ruhigen Wand-
slächen und der eigentümlich schlichten Kuppel der Kunst-
halle: Trotz aller Wirrnisse treibt es die Baukunst
unserer Zeit zu einem eigenen Stil und eö könnte sein,
daß dieser Billingbau als ein Frühwerk noch eine Rolle
in der Kunstgeschichte spielte.

Aber auch dieses Gehäuse der Bilder ist räumlich
nur ein kleineö Iuwel inmitten einer riesigen Ausstellungs-
anlage, wie sie in dieser Sachlichkeit Deutschland noch
nicht erlebt hat. Ihr Erbauer ift Max Läuger der
Keramiker, also kein Architekt, doch wie sich hier er-
weift: ein geborener Baukünstler. Alles Ausgedonnerte
oder Schützenzeltartige solcher Ausstellungshallen — und
es sind Riesenhallen — ist hier mit Takt vermieden,
aus einsachen Putzflächen mit sicherem Geschmack ein
Ensemble gebildet, darin man wehmütig und zugleich
mit leiser Hoffnung erkennt: wie unsere Stadtanlagen
aussehen könnten, wenn ftatt der sinnlosen Einzel-
wurstelei mit Fassaden ein überlegener Geist Plätze und
Straßenzüge insgesamt bilden dürfte. Freilich sind hier
die Mannheimer mit dem Friedrichsplatz von Ansang an
den konsequenten Weg gegangen, und die Läugersche An-
lage würde schwerlich so überzeugend wirken, wenn ihr
durch Bruno Schmitz nicht ein großartiger Hintergrund
gegeben wäre, indem er im Anschluß an den „Rosen-
garten" den weiten Platz mit sandfteinroten Barock-
bauten umgab. Als Tor zur eigentlichen Gartenaus-
stellung ist darin die Straßenöffnung in der Haupt-
achse durch einen provisorischen Brückenbau geschlossen
worden, wodurch die ganze Anlagc ihre zukünftige
Wirkung erkennen läßt.

Selbst der Vergnügungspark zeigt in Mannheim
Bauten von guter Haüung; und da außer einigen
unverineidlichen Landschaftsgärtnereien, die aber als
Gegenbeispiele wirken werden, eine Reihe von Muster-
gärten strenger Art (Läuger, Schulze-Naumburg, Behrens)
angelegt sind, wird die Stadt Mannheim mit dieser
Ausstellung ein Iubiläum seiern, wodurch sie den An-
schluß an ihre vielsach sührende Bedeutung im 18. Iahr-
hundert glücklich wiedergewinnt. W. Schäfer.

IZ-t
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