Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 13.1907

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Drci rüeinländischc Ausstellnngen.

.st'elliqkeit frei und leicbr erscheinen läßt, was doch zunc
Teil scluverster Marinor ist: so weiß man, wieviel von
dem qünstigen Eindruck dieser Ausftellung dem Bau-
ineister zu verdanken ist; und danach den Künstlern
und Werkstätten, die jeden einzelnen Raum im Sinn
dieser seftlichen Gesamterscheinung dekorativ ausbildeten.

Hierdurch war die Grundlagc des Dillschen Planes
crsüllst der als Drganisator natürlich auch hier cnt-
scheidend wirkte: der „Raunstst vom sestlichen Saal bis
Nim intimen Aimmelst war in scinster Vollendung sertig-
gestellt, nun kam das Bild in den sertigen Raum,
aber nicht ibn bestinnnend, sondern dekorativ schmückend.
Hierbei solltc der Jahrinarkt- und Museumscharakter
landläufiger Ausstcllungen durcbaus vermieden werden,
jedes Büd sollte sich nicht nur dem Ramn, sondern
auch seinen „Mitbildern" inc gleichen Raum anpassen,
so daß cin harmonisches Ensenlble entstand.

Diescn Dauptteil seiner Alisgabe bat Dill unter
Assiftenz scincr Gctreuen Hölzel und Hellwag selbst ge-
lcistet; und wcnn inan bedenkt, daß dabci Bilder von
Gaugin, van Gogh, Thonia, Lieberinann, Hoser, Len-
bacb, Sauter, Scliönleber, Trübner, Dill und Nicbolson
glcicberweise untcrgebracht wurden, so wird man gencigt
zur höchstcn Anerkennung sein: die Ausgabc ist glänzend
gelöst; man scbreiter durcb die Ausftellung mit dcm
Bebagen, bci cinem Kunstsreund des rasstniertesten
dckorativen Gcschinacks zu scin; und namentlich unscre
Musecn könnten bicr lernen, was cine seine Hand init
gar nicht zu großm Mitteln vermag: wo durchaus nicht
Werke erften Ranges dein Arrangcur einen billigen
Triumph schaffcn, sondern wo niit dem Durchschnitt
der hcutigen Malerei in Europa — das Wort ist nicltt

veräclttlich gemeinr — ein geschmackvollcs Ensemble
erreicht ift.

Freilich sind es von Ansang an sür diesen Zweck
ausgesucbte Bildcr; Dill har — als imaginärer Muscums-
direktor — crst pcrsönlich gesammelt, che er aushing.
Und hat sich dabei noch das Vorrecbt genommen, vicl
mehr Werke einzuladen, als cr hängen konnte, so daß
er seincm Ensemble zuliebe bis zum Schluß aus nicht
geringen Sachen die sreiefte Auswabl hatte. Dies ist
ihm von den bcteiligten Künftlern zum Teil sehr ver-
übelt worden; ein zurückgesandtes Bild ist sonst cin
„resüsiertes"; hierbci gewiß nicbt: es konnte gleichwohl
cin Meisterwerk wie cine Stümperei sein, was sicb trotz-
dem nicht ins Ensemble scbickte. Insosern hattc Dill
diesmal die glückliche freie Hand, um die ilm alle
,I)ängckommiffionen" beneidcn dürsen, die jedes Stück
aushängen müssen, was durch dic Iury gekommen ist.
Aber um das zu errcichen, was er errcicht hat, gab es
kcinc andere Möglichkeit. Seine Ausgabe war von An-
sang an prägnant gcstellt und sie ist mit seinster Prä-
zision gelöst worden. Alle zuküifftigcn Ausftellungen
werden mit dem hier erreichten Niveau rechnen müssen,
wenn sie ernst genommen werden wollen.

Nun haben sich sreilich einzelne Räumc diesem
Prinzip von Ansang an cntzogcn, indem sie wie der
Klimt-, dcr Behrcnssaal von Ansang an unter bestimmten
Voraussetzungcn gescbaffen ivurdcn, so daß also das
Kunstwerk selber nicht überall die sekundäre Rolle
spicltc. So sind zwar einige scbarse, auch schartige
Sachen cntstandcn, die das Ensemblc aber trotzdcm
nicltt störcn, eö vielmehr bereichcrn, ihm glcicberweise
die Langeweile eines zu sebr aus die Mitteltöne ge-
stimmten Ensembles, wie die offenbare Ungerechtigkcit
einer solcben Ausstellung gegenüber dem Kunstwerk
nehmen.

Dann, um nach dcr gcbübrenden Schätzung wieder
aus die scherzhaste Unterschcidung der Malwerke in die
beiden Gruppcn zurückzukommcn, derjenigen, von denen
eine dekorative Wirkung zum mindesten verlangt werden
muß, und derjenigen, die eigcntlich zu schade dasür
sind: wenn vorbin gesagr wurde, daß diese Ausstellung
einen Durchschnirr durch die heutige Malerei in Europa
darstclle, so müßte jctzt genauer gesagt werden, daß sie
dics unter dem dekorativen Gesiclttspunkt tut, d. h. wobl
sind Werkc durchaus anderer als dekorativer Art aus-
gehängt, aber durchaus nur soweit, als sie sicb dekorativ
cinsügcn, und so haben wir eine vollkommenc Dar-
stellung des einseitigen Geschmacks-Standpunktes in der
Kunst erhalten, der Gegncrn wie Frcunden von großem
Wcrt scin muß und eindringliche Lehren und Über-
raschungen gibt, z. B. die, daß Werke, deren einzigen
Wert man im Dckorativen sah, dies cigentlich gar nicltt
sind. Und ich sehe nicltt ein, warum dies verschwiegen
werdcn soll: geht man ganz im Sinn der Ausgabe die
Sälc durcb, die Bilder aus ihren dekorativcn Geschmacks-
wcrt prüsend, so muß man zum Schluß erkennen, daß
aller Engländer, Franzoscn und Schotten ungeactttet die
Bilder des Mcisters selbst die Ansorderungen an ein
dekoratives Bild am rcinsten und konseguentesten er-
süllen.'i^Insoscrn ist der Dillsaal tatsächlich das Herz
dieserMAusstcllung.

H. Billing: Treppenaufgang in der Kunsthalle zu Mannheim.
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