Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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Dürftigkeit der Notizen über die Antwerpen’fchen Maler des XV. Jahrhunderts.

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wurden, finden wir vierzehn als Maler, während der Kunftzweig, der nächft der
Malerei die meiften Mitglieder zählte, nur durch fechs Namen vertreten ilt.
Diefer Thatbeftancl erhält fich während des ganzen erften Jahrhunderts der St.
Lucas-Gilde: denn aucli von den 53 i. J. 1561 aufgenommenen Meiftern fliehen
24 als Maler eingetragen. In der Violiere war fie in noch gröfserem Ueber-
gewicht, und nichts war gebräuchlicher, als die Bezeichnung diefer Kammer als
„der Violieren, wie man die Maler der St. Lucasgilde nennt.“ Nach Guicciar-
dini waren unter den Rederijkers faft keine anderen Mitglieder als Maler. Der
Schreiber jenes englifchen Briefes, der uns fo koftbare Mittheilungen über den
„Landjuweel“ von 1561 macht, nennt die ihn veranftaltende Kammer fchlecht-
weg „die Maler von Antwerpen“. Manchmal wird felbft die ganze St. Lucas-
'gilde die Malergilde genannt. Die Malerkunft war damals von ihrem erften
Auffchwung an, was fie dauernd und bis auf den heutigen Tag in Antwerpen
geblieben ift, die Kunft par excellence; und unter einem Kiinftler verftand man
in Antwerpen allezeit und verlieht man noch einen Maler.

Wie grofs das Anfehen der Malerkunft in Antwerpen im erften Viertel
des XVI. Jahrhunderts war, können wir ferner aus einigen Notizen im Tage-
buch Albrecht Dürers, der in den Jahren 1520 und 1521 in diefer Stadt fleh
aulhielt, entnehmen. Kurz nachdem er angekommen, nöthigten ihn die Maler
zu einem Gaftmahle in ihrem Gildelokal. »Bei Tifche war alles Geräth von
Silber, das Effen köftlich. Es waren auch ihre Frauen alle zugegen und als
der Niirnbergifche Kiinftler hingeleitet wurde, ftand das Volk in zwei Reihen,
als führte man einen grofsen Herrn. Es waren unter ihnen auch Männer von
gar ftattlicher Perfönlichkeit, die fich alle mit tiefer Verneigung auf das Aller-
demüthigfte gegen ihn benahmen und Tagten fie wollten fo viel wie nur möglich
alles das thun, was fie wiifsten, dafs ihm lieb wäre.« Und als er ein Jahr
darauf wieder abreifen wollte, bot ihm der Magiftrat ein Jahrgeld von 300 Phi-
lippsgulden und Freiheit von allen Abgaben an, fammt einem gutgebauten
Haufe und befonderer Bezahlung für jedes Bild, was er für die Stadt machen
würde, wenn er nur in Antwerpen wohnen bleiben wollte. Doch Dürer zog
es vor in feiner Heimatftadt ein geringes bürgerliches Leben, als in -einer
fremden Stadt ein üppiges Dafein zu führen: wie aber ihn diefe Anhänglich-
keit an fein Nürnberg ehrt, fo verdient die Liebe der Antwerpifchen Raths-
mitglieder für die Kunft ficher nicht minderes Lob.

Die erften Maler haben uns nur dürftige Erinnerungen hinterlaffen. Kein
ihnen mit Sicherheit zuzufchreibendes Werk ift auf uns gekommen, und auch
fonft find die Namen einiger von ihnen mit etlichen mageren Notizen Alles,
was wir von ihnen verzeichnet finden. Man fpricht von ihnen wie von Hand-
werkern, und was fie leifteten war häufig nichts anderes als Handwerk.

Der erfte Name, den wir auf der Mitgliederlifte der St. Lucas-Gilde im
erften Jahre, in welchem man die Namen der Meifter aufzuzeichnen begann,
finden, ift der von Willem de Cupere oder DE Cuypere wie wir jetzt lagen
Würden. Von ihm felbft wiffen wir wenig, aber er mufste zu einer Familie
gehört haben, die fich frühzeitig in der Malerei bethätigte. Denn über einen
Namensgenoffen von ihm, Vielleicht feinen Vater, bewahrten uns die Stadt-
rechnungen von 1398 und 1404, die einzigen, die von jener Zeit auf uns ge-
kommen find, einige Notizen.*

Diefer de Cuypere wird dort als eigentlich ANDRIES Stevens mit dem
Beinamen DE CUYPERE heifsend angegeben. Er war um 1360 geboren und

Vgl. den von L. DE BüRßllRE flammenden Artikel in der Biograph!« nationale unter dem
Namen de Cuypere,
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