Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906

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achdem der Herzog, dann Kurfürst Friedrich von Württemberg
im Jahre 1805 die Königswürde erlangt hatte, war es eine seiner
Hauptsorgen, seiner Kgl. Residenzstadt ein mehr großstädtisches
Gepräge zu verleihen, sie durch neue großartige Straßen und
Gebäude zu verschönern, Fremde zur Ansiedelung zu bewegen,
den vielfach noch sehr ländlichen Charakter, den die Stadt mit
der meist Landwirtschaft, Acker- und Weinbau treibenden Bevölkerung zeigte,
zu beseitigen, durch neue Bauordnungen zur Verschönerung beizutragen, und
den alten Gassen und Winkeln durch wohlklingende Straßennamen einen mehr
städtischen Anstrich zu geben. In diesem Sinne erfolgte im Jahre 1811 eine
vollständige Umwandlung der seitherigen Gassennamen.

Bis dahin hatten die etwa 80 Gassen und Plätze einfache Bezeichnungen
nach Oertlichkeiten, Gewerben etc., vielfach nur nach den Namen einzelner An-
wohner, wie Autenrieths-, Benzen-, Ducksteinsches-, Engel-, Firnhabersches-,
Fleiners-, Härings-, Harigels-, Heigelins-, Hoffmännische-, Köllinsches-, Lastings-,
Löfflers-, Macken-, Nägelins-, Reiffsches-, Rupfers-, Schaufflers-, Schulers-,
Steußen-, Stickeis-, Weißsches-Gässlein oder Gasse.

Durch die Umwandlung entstanden nun vielfach Straßennamen, denen in
der Neuzeit, im Vergleich mit andern Städten, eine ganz veränderte Bedeutung
zukommt. So vermutet wohl mancher Fremde in dem musikliebenden Stutt-
gart, das eine Mozart- und Silcherstraße aufweist, daß auch die Bach-, Weber-
und Wagnerstraße ihren stolzen Namen den großen Tonsetzern zu Ehren führen,
während doch nur das Gewerbe und der bedenkliche „ Weltzimdreckh'-, wie
ein alter Schriftsteller den in Stuttgart gänzlich unsichtbar gewordenen Nesen-
bach betitelte, bei der Taufe dieser Straßen zu Gevatter standen. Bei der
Brennerstraße, einer neuen Namenschöpfung aus dem Jahre 1894, denkt der
Fremde wohl eher an den freilich sehr entlegenen Gebirgspaß, als an einen
Stuttgarter Familiennamen.

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