Spranger, Peter
Der Geiger von Gmünd: Justinus Kerner und die Geschichte einer Legende — Schwäbisch Gmünd, 1991

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Vorwort

»Er ruft mich an, so will ich ihn erhören« - von dieser tröstlichen Erfah-
rung des Menschen erzählt auch Justinus Kerners 1816 entstandene
Ballade »Der Geiger zu Gmünd«. Fragen wir, warum das Kernersche
Gedicht trotz mancher Schwächen sich noch heute oder vielmehr ge-
rade heute wieder einiger Beliebtheit erfreut, nicht nur in Schwäbisch
Gmünd, dem Schauplatz der legendären Begebenheit, sondern ganz
allgemein: die zeitweise kaum beachtete, selten noch abgedruckte Bal-
lade hat in alle einschlägigen Anthologien der letzten Jahre wieder Ein-
gang gefunden. Statt einer weit ausholenden Antwort ein Fingerzeig
aus Goethes etwa gleichzeitig geschriebenen »Noten und Abhandlun-
gen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans«: »Wer das
Dichten will verstehen,/Muß ins Land der Dichtung gehen;/Wer den
Dichter will verstehen,/Muß in Dichters Lande gehen.« Auch eine hi-
storische Untersuchung wird diesen Hinweis beachten. Sie wird ihr
Thema nicht nur im Hinblick auf die motivgeschichtlichen Zusammen-
hänge in die Vergangenheit zurückverfolgen und die Weiterentwick-
lung der Legende in Dichtung, Bild und Spiel bis in die jüngste Gegen-
wart im Auge behalten; ihre Fragen gelten auch den begleitenden Um-
ständen, gelten dem Dichter und seinem Umkreis, gelten der Gmünder
Lokalgeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts, und hier vor allem der
schmerzhaften Metamorphose der einstigen Reichsstadt zur württem-
bergischen Oberamtsstadt. Im Schnittpunkt solcher Koordinaten steht
die Frage: Hat Kerner die Anregung zu seiner Geigerballade unmittel-
bar in Gmünd empfangen? Und die andere Frage: Warum hat Kerner
gerade das hartgetroffene Gmünd zum Schauplatz seiner Legende ge-
wählt? Eindeutige Antworten geben uns eine in diesem Zusammen-
hang seither wenig beachtete Mitteilung seines Sohnes Theobald, vor
allem aber einige Briefe aus der weitläufigen, noch immer unzurei-

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