Spranger, Peter
Der Geiger von Gmünd: Justinus Kerner und die Geschichte einer Legende — Schwäbisch Gmünd, 1991

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Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!
F. v. Schiller, An die Freunde


amit Kerners Geiger zum Geiger von Gmünd
werden konnte, brauchte es ein lokales Nach-
spiel. Davon noch einiges in Kürze. Das unmit-
telbare Echo auf Kerners Gedicht war dürftig
genug.

»Seitdem wird zu Gmünd empfangen
Liebreich jedes Geigerlein«
hatte der wohlmeinende Poet behauptet. Entsprach dieses freundliche
Bild der stets gastlich-aufgeschlossenen Stadt der Künste auch der pro-
saischen Wirklichkeit? Kerner mußte sich geirrt haben. Sein Geigerlein,
das Urbild des fahrenden Musikanten, war in der Kgl. württembergi-
schen Oberamtsstadt keineswegs willkommen. Oder täuschte der erste
Blick? Abgesehen von Deblers galligem Kommentar herrschte in
Gmünd großes, verlegenes Schweigen. Schweigen aus Unkenntnis?
Schweigen über Jahrzehnte hin. Man mußte sich die Sache mit dem
Geiger wohl erst einmal richtig überlegen.
War es aus diesem oder aus einem anderen Grund: ehe man sich's ver-
sah, hatte sich die Legende einen anderen Schauplatz gesucht. Sie
suchte ihn im Goldenen Mainz, dort aber in veränderter Gestalt, wie sie
die vielschichtige Überlieferung jederzeit möglich machte (vgl.
Abb. 45):

»Zu Mainz gieng einst voll Harm und Leid
Ein Spielmann alt und arm
Mit weißem Haar, im Bettelkleid,
Die Geige in dem Arm . . .«

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