Spranger, Peter
Der Geiger von Gmünd: Justinus Kerner und die Geschichte einer Legende — Schwäbisch Gmünd, 1991

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Ich hatte viel Bekümmernisse in meinem Herzen;
aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.
(Ps. 94, 19)

s beginnt wie im Märchen. Es wirkte einmal, so
heißt es, an der St. Josefskapelle zu Schwäbisch
Gmünd ein Mesner namens Franz Xaver Keller.
Der erzählte allen, die es hören wollten, fol-
gende seltsame Geschichte: »öfters besuchte
. der Dichter Justinus Kerner die Josefskapelle,
wo damals viele Weihegeschenke und Dankta-
feln aufgehängt waren. Von diesem Bildwerk
erregte besonders ein Kümmernisbild die Aufmerksamkeit des Dichters.
Ein zweites, ganz ähnliches, hing in der Mesnerwohnung. Oft stand
Kerner, in tiefe Träumerei versunken, vor dem Bild in der Kapelle,
schrieb dann auch manchmal etwas in ein Büchlein ein, vielleicht eine
Anregung zu einem Gedicht. Noch von Weinsberg aus hat der Dichter
die Josefskapelle besucht. Bei einem dieser Besuche hat er das Küm-
mernisbild im Mesnerhaus erworben und mit sich genommen«.’’ Bild
aus der Kapelle, Bild aus dem Mesnerhaus - eine plausible Geschichte,
so scheint es, da sie die heutigen Kümmernisbilder in Gmünd und in
Weinsberg in gleicher Weise berücksichtigt. »Ganz ähnlich« - abgese-
hen von der gemeinsamen Thematik- sind diese Bilder sicherlich nicht.
Aber wer hat sie je miteinander verglichen? Jedenfalls war die Erzäh-
lung des Gmünder Mesners, der es ja wissen mußte, überzeugend ge-
nug, um auch in den instruktiven Führer durch das Weinsberger Ker-
nerhaus Eingang zu finden, - mit einer kleinen, bezeichnenden Varian-
te. Belehrt vom Genius loci, erfährt man nun zusätzliche Einzelheiten
über das dortige, ziemlich schadhaft gewordene Kümmernisbild: »das
letztere Bild (vgl. Abb. 13) hing ursprünglich in einer (sic!) Josefskapelle
in Gmünd und gab den Anlaß zu Kerners Ballade >Der Geiger von
Gmünd*. In der Ballade erscheint die hl. Caecilia, da Justinus den wah-
ren Sachverhalt der Legende erst ein halbes Jahr nachher erfuhr«.7 An-
ders die Berichte aus Gmünd, wo man, wenn nicht dem Dichter, so
doch dem Wunder näher, mit topographisch wohlfundierten Gründen
glaubt, das inspirierende Bild selbst zu besitzen. Die Frage liegt nahe:
Welchem der beiden Kümmernisbilder, dem heutigen Gmünder oder


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