Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

Page: 110
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1909/0114
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
110

BEMERKUNGEN.

zusammensetzt. Das wird uns jetzt nur noch klarer werden. Der Abfall von der
Naturwahrheit ist, wenn auch bedauerlich, doch historisch berechtigt. Sobald eine
Naturform dekorativen Zwecken angepaßt werden soll, muß sie einen Kompromiß
eingehen, sich den geraden Linien und ebenen Flächen des tektonischen Gebildes,
zu dessen organischer Belebung sie dienen soll, anpassen. Auch dadurch, ganz
abgesehen von der Massenfabrikation, wird eine geometrische Stilisierung befördert.
Und in Zeiten wie der Gegenwart, in der die dekorative Kunst eine so fabelhafte
Blüte erlebt wie nie zuvor, muß notwendig auch in der freien Kunst das dekorative
Prinzip die Überhand gewinnen.
In solchen Zeiten redet man dann gern von einem Ȇberwinden der natura-
listischen Richtung«, von der großen monumentalen Kunst, die nichts mehr von
der Natur wissen will, die weit über der Natur steht u. s. w. In Wirklichkeit ist
es eben auch nur eine von zwei an sich gleichberechtigten Richtungen, die zufällig
gerade obenauf ist. Und die primitive Kunst kann uns vielleicht zeigen, welche von
beiden Richtungen, wenn man einmal vergleichen will, den Vorzug verdient.
Glücklicherweise wachsen auch die dekorativen Bäume nicht in den Himmel. Die
Kunstgeschichte lehrt, daß es zu allen Zeiten Künstler von der Art derer gegeben
hat, die Vart pour Vart in der Eiszeit gemacht haben: Naive Genies von elemen-
tarer Kraft, die sich den Teufel um all das Zeug kümmerten, was andere vor ihnen
gemacht hatten und was ihnen ihre gebildeten Zeitgenossen vorredeten. So einer
braucht nur einmal mit besonderer Fruchtbarkeit und Tatkraft begabt zu sein und die
Menschen brauchen nur einmal eine starke Sehnsucht nach etwas Neuem zu emp-
finden auf all die Geometrie und Konvention hin, die so bald ermüdet, dann haben
wir sofort den naturalistischen Umschwung. Dann heißt es nicht mehr: der Natu-
ralismus ist durch den Stil, sondern der Stil, d. h. die Konvention ist durch den
Naturalismus überwunden. »Und abermals nach fünfhundert Jahren« —.
loading ...