Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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GOTTFRIED SEMPERS ÄSTHETISCHE GRUNDANSCHAUUNGEN. 267

begründen (II, 526). Der freie Wille des schöpferischen Menschen-
geistes kommt als wichtigster Faktor bei der Frage des Entstehens
der Baustile in erster Linie in Betracht, zu dieser Meinung ist Semper
in dem Vortrag »Über Baustile« (1869) gelangt. Dieser freie Wille
muß sich zwar mit höheren Gesetzen des Überlieferten, des Erforder-
lichen und der Notwendigkeit abfinden, aber er macht sich diese durch
freie objektive Auffassung und Verwertung dienstbar (Kl. Sehr. 401).
»Wo aber immer ein neuer Kulturgedanke Boden faßte und als solcher
in das allgemeine Bewußtsein aufgenommen wurde, dort fand er die
Baukunst in seinem Dienste, um den monumentalen Ausdruck dafür
zu bestimmen.« Ihre Werke sind Symbole der herrschenden religiösen,
sozialen und politischen Systeme, zu denen natürlich nicht die Archi-
tekten selbst, sondern die großen Regeneratoren der Gesellschaft den
Impuls gaben. — So ist die Lahmheit der Zeit schuld an dem allge-
meinen Tiefstand. Mehrmals klagt Semper darüber. In diesen An-
klagen äußert sich das Verhältnis des schöpferischen Menschen zu
seiner Zeit. »Wie großes Unrecht tut man uns Architekten mit dem
Vorwurfe der Armut an Erfindung, während sich nirgends eine neue
weltgeschichtliche mit Nachdruck und Kraft verfolgte Idee kund gibt.
Vorher sorgt für einen neuen Gedanken, dann wollen wir schon den
architektonischen Ausdruck dafür finden.«
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