Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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76 EGON WELLESZ.

Daneben aber hat sich schon früher die Instrumentalmusik in
immer reicherer Weise entfaltet, und wird vollends seit dem Augen-
blicke ein bedeutsamer Faktor, als die Sinfonia der Oper auch ab-
gesondert vom Musikdrama im Konzertsaale aufgeführt wird, und
eigene Sinfonien auch ohne Zusammenhang mit einer Oper komponiert
werden. Diese Konzertsinfonie wird hauptsächlich in Österreich und
Süddeutschland gepflegt und ist das erste Zeichen einer Emanzipation
vom italienischen Geschmacke. Sie nimmt zu den üblichen drei
Sätzen einen vierten, das Menuett, hinzu, und hat damit jene Form
erreicht, in welcher Haydn, Mozart und Beethoven ihre tiefsten Gefühle
und Gedanken aussprachen, und die bis zur Gegenwart, wenn auch
wesentlich verändert und erweitert, die bedeutendste Form des musi-
kalischen Ausdrucks geblieben ist.

Die Musik der Gegenwart — Oper wie sinfonische Musik — ruht
auf den tektonischen, melodischen und harmonischen Grundlagen,
welche mit dem Beginne des Barock geschaffen worden sind. Eine
grundlegende Änderung der herrschenden Probleme und das Entstehen
neuer Formen scheint mir nur Hand in Hand mit einer Umgestaltung
des ganzen musikalischen Empfindens möglich. Es kann dies nur
auf Grund einer Zurückdrängung des Subjektivismus durch eine
Epoche des objektivierten Fühlens und Gestaltens eintreten, und der
gegenwärtige Gärungsprozeß, von dem das musikalische Schaffen er-
faßt ist, die Zersetzung der Tonalität, die Auflösung der Formen, der
Verzicht auf den bisherigen koloristischen Orchesterklang in den
jüngsten Kompositionen scheinen eine gewaltige Umwälzung vorzu-
bereiten, welche möglicherweise zu einem neuen Objektivismus führt.
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