Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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Bemerkungen.

Zum Formproblem der antiken Tragödie1).

Von

Robert Völpel.

Die reine Analyse der Überreste der antiken Kunst kann nicht zu wesentlichen
Ergebnissen führen, wenn sie nicht Hand in Hand geht mit der synthetischen Be-
trachtungsweise mindestens der einzelnen Gattungen und Arten der Kunst, wie sie
sich in der Kunst der Antike klarer gegeneinander abheben als in der gesamten
Folgezeit. Die beträchtlichen Überreste der antiken Kunsttheorie des Dramas haben
denn auch bei uns eine derartig umfangreiche Literatur insbesondere über das grie-
chische Drama hervorgerufen, daß man diesen Gegenstand für restlos erschöpft
halten sollte, wenn hier die Quantität des Gedruckten mit seiner Qualität in Ein-
klang stände. Wäre nur ein Teil der Arbeit, die zur Lösung der Frage der Ka-
tharsis aufgewendet worden ist, der Aristotelischen Definition als Ganzem zugute
gekommen, so könnte es nicht möglich sein, daß ein grundsätzliches Problem der
Form der antiken Tragödie, dessen Stellung sich aus jener Definition ergibt, bisher
nahezu völlig unberührt geblieben ist. Es beginnt nämlich bekanntlich die Defini-
tion: Die Tragödie ist die nachahmende Darstellung einer ernsten Handlung, die
in sich abgeschlossen ist und eine bestimmte Größe hat.. . Von der modernen
Tragödie läßt sich nicht sagen, sie habe eine bestimmte Größe; galt dies von der
antiken, so unterscheiden sich eben in diesem Punkte beide wesentlich. Es ist
für unseren Sprachgebrauch dasselbe, zu sagen: die Handlung der Tragödie hat
eine bestimmte Länge (denn (j.e-fEÖ'oi; ist die Länge, die zeitliche, sofern die Tra-
gödie gespielt wird, die räumliche, insofern sie in einer Buchrolle aufgeschrieben
ist, nicht etwa die innere Größe oder Bedeutung), oder die Tragödie selbst hat
einen bestimmten Umfang, denn die Handlung beginnt ja mit dem ersten Verse
bei jeder Aufführung und endigt mit dem letzten. Das einzige Mittel zur räum-
lichen oder zeitlichen Bestimmung des Gegenstandes ist die Zahl; sie ist als solches
das unersetzliche Mittel der Erzeugung des Gegenstandes. Dieser Grundgedanke
der idealistischen Philosophie ist in der unsrigen durch Kant, in der griechischen
durch Pythagoras hervorgebracht worden. War also die Größe der griechischen
Tragödie bestimmt, so war sie es durch die Zahl; das aber müßte sich noch heute
feststellen lassen, soweit nämlich die überlieferten Tragödien vollständig erhalten
sind, ohne Abänderungen, ohne Zusätze und Lücken. Das formale Problem der
Größe der Tragödie stellt sich als ein metrisches dar. Wie die Gesetzmäßigkeit
der Zahl als Metrik dem antiken Dichter das Mittel war zur Erzeugung der ein-
zelnen Tragödie, so ist sie uns umgekehrt das Mittel, eben diese Gesetzmäßigkeit

]) Ich darf diese Arbeit nicht hinausgehen lassen, ohne auf die grundsätzlichen
Bedenken hinzuweisen, die ich gegen das hier befolgte Verfahren an verschiedenen
Stellen meines Buches »Vom Jenseits der Seele« geltend gemacht habe. M. D.
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