Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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Bemerkungen.

Die dramatischen Stilgegensätze bei Grillparzer und Hebbel.

Von

Albert Oörland.

In seinem Werke über »Kunstgeschichtliche Grundbegriffe« beklagt Wölfflin,
daß unsere gegenwärtige Kunst, in der stillos das Widersprechendste sich vertrage,
gegenüber der einseitigen Stärke vergangener Kunstzeiten eine Einbuße an Kraft
zeige, die unermeßlich sei. Gilt dies Urteil schon für Malerei, Plastik und Archi-
tektur, auf die sich Wölfflin bezieht, um wieviel mehr für das Gebiet der Dramatik!
Hier streitet man sich wohl über den Stil der Bühne, ob sie Reliefbühne oder Tiefen-
bühne sein müsse; aber alle Stilfragen der Dramatik schlafen.

Und doch ist die Dramatik unter allen Künsten zuerst berufen, einer Zeit das
künstlerische Gepräge eines Lebensstiles zu geben, weil sie mehr als alle übrigen
Künste den ideellen Stoff des Weltgeschehens unmittelbar zu erfassen und zu
gestalten imstande ist.

Sieht nun Wölfflin eine schöne Aufgabe für Kunstgeschichte und Ästhetik darin,
der Gegenwart den Begriff eines einheitlichen Stiles lebendig zu erhalten, so will
ich darauf hinweisen, daß meine Arbeiten über den Stil der Tragödie und Komödie
aus eben diesem Interesse unternommen worden sind.

So mag denn der Stilgedanke der Dramatik auch .unter dem gegenwärtigen
Thema zu Worte kommen. Immerdar müßte von ihm heute geredet werden. Denn
einerseits ist die Verfahrenheit unserer dramatischen Kunst in sogenannten psycho-
logischen Absonderlichkeiten, Rätselhaftigkeiten und Widerwärtigkeiten so heillos,
wie andererseits unsere Zeit so ungeheuer ideengewaltig, daß immer von neuem
versucht werden muß, den Genius einer dramatischen Jugend zu erwecken, daß sie
sich befreie von der Sucht unserer Zeit, verbogene Seelen auf die Bühne zu stellen,
und stark werde, die Stimmen unserer großen Zeit zu vernehmen und in ehernen
Gestalten Wort werden zu lassen.

Die Dramatik aller Zeiten ist dadurch groß gewesen, daß sie ihre Zeit in Ewig-
keitsgestalten gefaßt hat; daß sie ein Stilausdruck der Weltanschauung ihrer Zeit
gewesen ist. Darum ist es tief schmerzlich für den sichtigen Menschen unserer
Tage, daß er für die Wahrheit dieser Behauptung nur auf vergangene Abschnitte
in der Geschichte der Dramatik verweisen kann, abseits aller Gegenwart. —

Wenn wir uns vorsetzen, mit wenigen Worten den Stilgegensatz bei Grillparzer
und Hebbel zu kennzeichnen, so bedarf das Beisammen beider kaum einer Be-
gründung. Schon Zeit und Ort legen es uns nahe; der Hauptsache nach am selben
Orte schaffend und kaum ein Menschenleben auseinander, reizen sie uns überdem aber
zu einem Vergleich, weil ihre dramatischen Stile scharf voneinander sich abheben.

Zur »Agnes Bernauer« schreibt Hebbel 1851 in sein Tagebuch: »Nie habe
ich das Verhältnis, worin das Individuum zum Staate steht, so deutlich erkannt,
wie jetzt.«
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