Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

Seite: 270
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1919/0275
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
X.

Die romantische Ironie.

Von

Käte Friedemann.

Die »romantische Ironie« besitzt eine lange Vorgeschichte. Wenig-
stens haben sich ihre Erforscher stets bemüht, nachzuweisen, wo in
früheren Zeiten Menschen, insbesondere Dichter, schon einmal ironisch
dem Leben gegenübergestanden haben; und damit glauben sie dann,
das Wesen der Ironie, wie sie sich bei den Romantikern zeigt, er-
kannt zu haben. So weist Alfred Kerr in seiner Arbeit über Brentanos
»Godwi« auf Cervantes, Lawrence Sterne und Jean Paul als Quellen
für die romantische Ironie hin1), und Ricarda Huch erwähnt Aristo-
phanes, Gozzi und Holberg, um der Ironie, wie sie uns in Tiecks
Lustspielen entgegentritt, eine Ahnenreihe zu geben2).

Und doch kommen derartige Bestrebungen, so dankenswert sie
in gewisser Hinsicht sein mögen, dem Wesen der Sache, d. h. der
Erkenntnis der romantischen Ironie, nicht näher. Denn einmal handelt
es sich hier meist gar nicht um direkte, den Romantikern selbst zum
Bewußtsein gekommene Einflüsse, sondern häufig nur um ähnliche
Erscheinungen, deren Ähnlichkeit zudem nicht selten eine ziemlich
äußerliche sein dürfte. Wo aber wirklich Beeinflussungen vorliegen,
da sind diese doch ,auch nicht so zu verstehen, als seien nun die
Geister, deren Einfluß man sich hingegeben, die wahren Schöpfer,
während die Romantiker zu ihnen bestenfalls nur im Verhältnis der
Jüngerschaft gestanden hätten. Vielmehr ist es eine in den Roman-
tikern lebende Stimmung gegenüber der Welt und ihrem Selbst in
Beziehung zur Welt, von der wir ausgehen müssen, um die Er-
scheinung der Ironie, wie sie sich bei ihnen in Theorie und dichte-
rischer Praxis äußert, ihrem inneren Wesen nach zu erfassen. Wo
bei Geistern der Vorzeit ein ähnliches Streben, ähnliche Kämpfe und
Siege wie die selbsterlebten vermutet werden, da begrüßt man diese als
Verwandte über die Jahrhunderte hinüber. Immer aber erfassen wir

') A. Kerr, Godwi. Bondi 1898, S. 73 f.

2) Ric. Huch, Die Blütezeit der Romantik. Leipzig 1901, S. 299.
loading ...