Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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DIE ROMANTISCHE IRONIE. 271

das, was die Romantiker wollten, besser unmittelbar aus ihrer ge-
samten Gefühls- und Gedankenwelt heraus, als wenn wir von den
Einflüssen als von bewegenden Faktoren ausgehen.

Zuweilen allerdings sind philologische Untersuchungen über vor-
handene oder nichtvorhandene Beziehungen nicht gut zu umgehen.
Dies ist z. B. dort der Fall, wo es gilt, herrschende, aber nicht genügend
begründete Anschauungen zu widerlegen, Anschauungen, aus denen
ihre Vertreter Schlüsse ziehen, die die Erkenntnis des Gegenstandes
der Untersuchung zu gefährden drohen. Um eine solche Untersuchung
wird es sich anläßlich der Frage nach dem Einfluß Fichtes handeln.
Zunächst aber versuchen wir es einmal, die Stimmung nachzuer-
leben, aus der die romantische Ironie erwuchs, aus der sie ihre
Nahrung sog.

Die romantische Ironie ruht auf dem Grunde der romantischen
Auffassung vom Tragischen. Sie sucht der Tragik Herr zu werden,
die in dem Schillerschen Worte gipfelt: »Eng ist die Welt, doch das
Gehirn ist weit; dicht beieinander wohnen die Gedanken; doch hart
im Räume stoßen sich die Dinge.« So sehr die Romantiker sich
selbst im Gegensatze zu Schiller empfanden, so sehr berühren sie
sich doch mit ihm gerade in ihrer Auffassung von dem, was das
Leben einengt. Das »gewaltige Schicksal«, das als ein Äußeres an
den Menschen herantritt und ihn gleichzeitig zermalmt und erhebt,
es gleicht ganz den Naturkräften, denen nach Schelling die morali-
sche Person unterliegt, während sie zugleich durch die Gesinnung
siegtl). Auch bei A. W. Schlegel ist es der Kampf zwischen dem un-
endlichen äußeren Dasein und der unendlichen inneren Anlage, der
den Gegenstand der Tragödie ausmacht2). Und Solger, der die Tragik
nicht in dem äußeren Schicksal, sondern im Wesen der »Idee« selbst
sucht3), sieht eben doch die Tragik der Idee darin, daß sie in die
Erscheinung zu treten gezwungen ist. »Das Los des Menschen über-
haupt, daß er an dem Höchsten teilhat und dennoch existieren muß,
bringt das echt tragische Gefühl hervor«4). Oder: »Wir wissen, daß
unser Untergang nicht die Folge einer Zufälligkeit, sondern davon ist,
daß die Existenz das Ewige, wozu wir bestimmt sind, nicht ertragen
kann, daß mithin die Aufopferung selbst das höchste Zeugnis unserer
höheren Bestimmung ist«6).

») Schelling, Philos. der Kunst. Werke Leipzig 1907, III, S. 115.

s) A. W. Schlegel, Dramaturg. Vorlesungen. Werke Leipzig 1846, V, S. 220.

3) Solger, Erwin. Berlin 1907, S. 285. Derselbe, Nachlaß. Leipzig 1826, II,
S. 516 ff.

4) Solger, Ästhetik. Leipzig 1829, S. 96.

5) Ebenda, S. 96.
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