Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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XI.

Studien zum Expressionismus.

Von

Otto Braun.

Der Expressionismus ist heute eine charakteristische Strömung in-
nerhalb unserer Kultur geworden und niemand darf ihn übersehen.
Recht Verschiedenes birgt sich im einzelnen unter diesem Begriff; aber
im ganzen darf man doch von einer einheitlichen Bewegung sprechen.
In breiteste Zusammenhänge werden wir geführt, wenn wir dem Ex-
pressionismus nachgehen: Wandlungen des Lebensgefühls, der Welt-
anschauung stehen hinter den Kunsttheorien. Wir wollen hier nicht
alle Weiten durchwandern, sondern zunächst die Form der Kunstübung
und den in der Kunstlehre erstrebten Inhalt des Expressionismus
analysieren.

Läßt man epische, dramatische, lyrische Dichtungen des »jungen
Deutschland« an dem geistigen Auge vorüberziehen, vergleicht man
zur Ergänzung damit die Werke der bildenden Kunst dieser Richtung,
studiert man die Zeitschriften »Aktion«, Strom«, »Zeit-Echo«, »Kunst-
blatt«, so gewinnt man einen gewissen Überblick und es gelingt,
durch fortschreitende Abstraktion, eine Summe von Eigentümlichkeiten
dieser Kunstübung herauszustellen. Ich glaube, folgendes vor allem
hervorheben zu können:

Die ganze Kunst des Expressionismus zeigt ein starkes Hervor-
treten des gestaltenden Subjektes. Das Ich triumphiert über das Objekt
— der Mensch schaut nach innen und denkt nach außen, das heißt
die Sache wird dauernd mit psychologischen Momenten durchsetzt
und nach psychologischen Kategorien begriffen. Man kann von einem
Psychismus in der Kunst sprechen, der natürlich ein Subjektivismus
ist. Hier wird nicht bildhafte Abschilderung des einfach Gesehenen
erstrebt, sondern an Stelle der Wiedergabe der Realität tritt ein Um-
formen, ja ein völliges Umschaffen vom Subjekt aus. Wie in der
bildenden Kunst der Expressionisten (Picasso, Matisse) ist es auch in
der Literatur: die Wiedergabe ist eine prinzipielle Deformation des
Wirklichen auf dem Wege der intellektuellen Erzwingung1). Wäre

') Vgl. Rsphael, Von Monet zu Picasso. München 1913.
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