Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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I.
Das Kulturproblem der modernen Baukunst.

Von

Fritz Hoeber.

So strebt die Kunst zurück in ein ungetrenntes Ge-
samtleben, sie suctit eine neue, eine bewußte, ge-
gliederte Pantonomie, in der sie wie alle anderen
Lebensgebiete ihre Eigenart zugleich bewahren und
aufgeben kann.

Jonas Cohn, Die Autonomie der Kunst und
die Lage der gegenwärtigen Kultur.

1.

Das Problem der modernen Baukunst ist in tiefstem Sinn ein
Kulturproblem, insofern als es die geistige Einheit unserer
Zeit in Frage stellt.

Zweifellos hat die Zeit, in der wir leben, ihre hohe Kunst, wie sie
sich in Malerei und Plastik, in Musik und Dichtung und auf der
Bühne tief und reich ausspricht. Aber alle diese Künste haben die
Neigung, für sich, in selbstgenügsamer Eigenheit, verharren zu
wollen, und verschmähen stolz den Anschluß an die außerkünstle-
rischen Bestrebungen ihrer Mitwelt. — Anderseits hat es das heutige
Geschlecht, nicht minder zweifellos, zu einer Höchstentwicklung der
technisch-wissenschaftlichen Zivilisation gebracht, worin es alle früheren
Jahrhunderte weit überragt. Allein gleich einem Emporkömmling mate-
rialistischer Geschäftserfolge, verspürt diese äußere Zivilisation erst
geringe Absicht, sich mit der Geistigkeit unserer Zeit, wie sie
etwa in der Kunst ihre Blüten treibt, zu erfüllen, sich mit ihr zu ver-
schmelzen und dadurch erst zu verinnerlichen.

Dieser oft empfundene dualistische Zwiespalt der modernen
Kultur erscheint gerade in der Baukunst in beispielhafter Schärfe.
Denn wenn die anderen optischen Künste, Malerei und Bildnerei, in
ihrer innerlich begründeten Abgeschlossenheit vom Werktagsleben
immerhin sinnvoll genossen werden können '), empfangen die »ange-

') Dieses Moment der »Isolierung« im erlebniskünstlerischen Vorgang
wird besonders klar in Richard Hamanns Ästhetik (Leipzig 1911) auf S. 25 ff. heraus-
gestellt: als seine hauptsächlichsten Faktoren werden die Prinzipien der Bildlichkeit,
der abstrahierenden Stilisierung, der Rahmung und der Idealisierung geschildert. —
Im Gegensatz dazu stehen die Werke der dekorativen Kunst, die das Leben

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XIII. 1
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