Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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VII.

Kunstwissenschaft und Kulturphilosophie
mit gemeinsamen Grundbegriffen.

Von

August Schmarsow.

I.
Die Überschrift enthält schon in aller Kürze eine ganze weit um-
fassende und tief eingreifende Aufgabe, die hier vorerst einmal aus-
gesprochen und befürwortet werden soll. Sie stellt an beide ge-
nannten Gebiete unserer Denkarbeit die Forderung: sich über die
geistigen Werkzeuge zu verständigen, die auf dem einen wie dem
anderen gehandhabt werden sollten. Die Vertreter der Philosophie
und die der Geschichte stehen einander noch immer zu fern, um der
nahen Beziehungen, die schon logisch wie methodologisch in ihren
Grundbegriffen gegeben liegen, soweit inne zu werden, wie es zu
fruchtbarer Wechselwirkung notwendig wäre. Besonders den Kunst-
historikern ist das Bewußtsein der engen Zusammengehörigkeit noch
immer nicht aufgegangen, oder vielmehr wieder abhanden gekommen.
Es wird ihnen wohl gar mit Absicht ferngehalten und neuerdings
sogar geflissentlich verleidet, weil eine Mehrzahl eifriger Durchschnitts-
arbeiter über der Anhäufung des weitschichtigen Materials das ge-
meinsame Ziel aus den Augen verliert oder bei dem Genuß der bunten
Mannigfaltigkeit des Einzelnen nicht durch Erwägungen gestört sein
will, die man ganz irrtümlicherweise für rein theoretische hält oder
ausgibt1). Die Kulturphilosophie ist das umfassendere Bereich, das

') Diesen Standpunkt vertritt z. B. Fritz Knapp in einer Anzeige der Deutschen
Literaturzeitung, 21. April 1917, in der ais »kalte, nüchterne Theorie« gebrandmarkt
wird, was gerade darauf abzielt, das Gesamtgebiet mittelalterlicher Architektur mit
der Gefühlswärme des schaffenden oder des genießenden Menschen zu durchdringen,
wie es bisher wohl nirgends>ersucht oder gar erreicht worden ist, es sei denn durch
die vom Verfasser dieses Beitrags ausgegangenen Anregungen. Knapp hat das Buch,
über das er aburteilt, überhaupt gar nicht gelesen, sondern ist am Ausgangspunkt
stehen geblieben und meint, es handle sich um Erklärung aus »Naturinstinkten«;
er gibt gar keine Auskunft über das Ineinandergreifen der Blickwanderungen mit
der Ortsbewegung des Menschen durch den Raum hin und das daraus ent-
springende Erlebnis aller Formen, ebensowenig über die Anwendung des Prinzips
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