Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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IX.

Die Begriffe des Plastischen und Malerischen
als Grundformen der Anschauung1).

Von

41 Bernhard Schweitzer.

Für den Begriff des Malerischen und die Vorstellungen, die wir
damit zu verbinden pflegen, besitzt das ganze Altertum keinen Aus-
druck. Erst die neuere Zeit, in der die Malerei zeitweise mit ihrem
Glänze alle anderen Künste überstrahlte, hat sich ein besonderes Wort
für ihn geschaffen und es in ihren Sprachschatz aufgenommen. Wir
unterscheiden vorzugsweise malerische Vorwürfe von solchen anderer
Natur, reden z. B. von einer Gruppe von Bäumen, von einer bunten
Tracht oder von einer Landschaft mit Wolkenschatten als von beson-
ders malerischen Erscheinungen. Es bedarf hierbei kaum des Hin-
weises, daß es sich um einen empirisch an Werken der bildenden
Kunst entwickelten Begriff handelt, daß also seit seiner Entstehung Be-
deutung und Umfang des Begriffes »malerisch« jeweils zeitgeschichtlich
bedingt waren. So, behaftet mit allen Vorzügen und Mängeln einer
zeitlich begrenzten Gültigkeit, fand er Aufnahme in die Kunstwissen-
schaft. Wölfflin2), der die Entwicklung der Malerei von der Hoch-
renaissance bis zum Barock und den Wechsel der Richtungen bis
zum neuesten Impressionismus überblickt, sieht, um nur den letzten
und anregendsten Versuch einer logischen Systembildung auf kunst-
wissenschaftlichem Gebiet zu erwähnen, das Malerische in der »Ent-
wertung der Linie als Grenzsetzung«, in dem »Zusammenfluten der
Massen im Bild« — »das malerische Auge visiert auf jene Bewegung
hin, die über das Ganze der Dinge hinweggeht . . . faßt alles als
ein Vibrierendes auf und läßt nichts in bestimmten Linien und Flächen

'■) Die folgenden Bemerkungen sind später erscheinenden »Untersuchungen zur
Chronologie und Geschichte der geometrischen Stile in Griechenland« entnommen
und waren schon niedergeschrieben, als mir Oskar Wulffs »Grundlinien und kriti-
sche Erörterungen zur Prinzipienlehre der bildenden Kunst« (Stuttgart 1917) be-
kannt wurden. Ich verweise besonders auf S. 36 ff. und 60 ff.

*) Kunstgeschichtliche Grundbegriffe (1915) S. 21 ff.
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