Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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XII.

Illusion und ästhetische Wirklichkeit.

Von

Johannes Volkelt.

I. Der Begriff der Illusion.

1. Ist Illusion eine Bewußtseinshaltung, die zum Wesen der ästhe-
tischen Geistesverfassung gehört? Oder kommt sie auf ästhetischem
Boden nur unter bestimmten Bedingungen zustande? Oder ist sie mit
dem ästhetischen Verhalten etwa gar unverträglich?

Soll Klarheit in diese Frage kommen, so muß vor allem der Sinn
festgestellt werden, den man mit dem Worte »Illusion« zu verknüpfen
hat. Ich betrachte zunächst die gewöhnliche Redeweise. In dieser
gebraucht man dieses Wort meistens so, daß die damit gemeinte Stellung
des Bewußtseins zu seinem Gegenstande geradezu unter den Begriff
der Täuschung fällt. »Sich in Illusion befinden« heißt »in Täuschung
stehen«. Aus dem Zustande der Illusion ist alles Innewerden der
Täuschung, in der man steht, ausgeschlossen. Wird der Getäuschte
dann aus irgend einer Veranlassung seiner Täuschung inne, so fühlt er
sich durch sie herabgewürdigt. Der Bewußtseinszustand der Täuschung
erscheint ihm als etwas, was nicht sein soll. So haftet der Illusion
in diesem Sinne der Charakter des Nichtbejahenswerten, des Nicht-
seinsollenden an. Besonders solche Täuschungen, die in einer Erhöhung
des Gegenstandes nach irgend einer Richtung, in einer optimistischen
Steigerung bestehen, pflegt man »Illusionen« zu nennen. Von dem sangui-
nischen Spekulanten, von dem unheilbar Kranken, der an seine baldige
Genesung glaubt, von dem mittelmäßigen Dichter, der sich für ein
Genie hält, von dem utopistischen Staatsmann sagt man, daß sie in
Illusionen leben. Die Anwendung des Begriffs der Illusion hat hier-
nach das Eigentümliche, daß ihn auf einen bestimmten Fall nur der-
jenige anwenden kann, der die in diesem Falle vorliegende Täuschung
bereits kritisch durchschaute. Wer dagegen gegenüber einem Gegen-
stande in der gekennzeichneten Bewußtseinsverfassung noch selbst
drinnen steht, kann diese unmöglich als Illusion anerkennen. Ich
hebe dies ausdrücklich hervor, weil sich, wie wir sehen werden, mit

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XIII. 22
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