Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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336 BESPRECHUNGEN.

es, daß der Verfasser auf die »Grenzen des mimischen Schaubedürfnisses« (S. 12)
mit gleichviel Energie und Sachkenntnis hinweist. Wir denken daran, wie W. Trübner
einst die Malerei vom Theater freimachen wollte. H. Sinsheimer will das Theater
nicht als eine »verschämte Filiale der Kunstausstellungen« wissen. Auch »Psycho-
logik« will er nicht auf der Bühne: »Der Schauspieler ... hat lange genug ex-
zelliert ... in Seelenzerlegung, in technischen Konzessionen an ängstliche Milieu-
schilderung. Es soll nun wieder all jene menschlichen Elemente, die er bisher
psychologisierend aufweisen mußte, in Gestalten zusammenfassen, die seiner künst-
lerischen Phantasie entspringen« (S. 19). Phantasie und Stil sind die Wortelemente
der schauspielerischen Leistung: »beides irreale, imaginäre, jede Wirklichkeit
distanzierende Faktoren« (S. 19). Ob man diese Kunstweise wegen ihrer Simplizität
expressionistisch (S. 22, 23) oder mit Rücksicht auf das Ethos, das in ihr be-
schlossen liegt, klassizistisch nennt (S. 17, 22), nehmen wir als eine Frage der
Terminologie. Will man tiefer gehen, dann muß man sagen, die vom Verfasser
vertretene Kunst der neuen Bühne weist Elemente der klassischen und Elemente
der expressionistischen Kunstweise auf: will man Beispiele vom Gebiet der Malerei,
so kann man an Feuerbach und seinen »Dante» denken, so gut wie an Hodler
und seinen »Teil«. Selbst an Ingres und Delacroix zugleich. Nur nicht an Courbet
oderManet: »Das gedanklich erfüllte und rhythmisch beflügelte Wort ist das Essentielle
des Theaters. . . . Nur was dem Wort und dem es erhöhenden mimischen Bedürf-
nisse des Darstellers entspricht und nützt, hat auf der Bühne Daseinsrecht« (S. 15).
Und hinter dem »klingenden Wort«, der »großen Geste«, dem »pathetischen Gefühl«,
mit einem Wort hinter dem »neuen Pathos« (S. 17) steht das »Gedankliche«, das
»Geistige«, das »Unsichtbare«, das »Metaphysische« und »Unsinnliche« (S. 15), wie
die Idee hinter der Erscheinung. Der Schauspieler vermählt sie. E r ist dem Theater
Erfüllung, der Dichter nur Voraussetzung (S. 19). Die neue Bühne bedarf neuer
Dramatiker, die Ibsen ablösen. Der Verfasser weist auf Strindberg hin und auf
sein »Pathos der Gestalt und des Wortes« (S. 18). Und auf Paul Claudel, auf
Frank Wedekind, auf Sternheim. Also an Kaiser, Hasenclever, Johst denkt er nicht?

Wie schon ersichtlich wurde, stimmen wir dem Verfasser vor allem darin bei,
daß er für reine Schauspielkunst (im ästhetischen Sinn) eintritt. Auch für die
expressionistische Simplizität — um eine Formel zu gebrauchen — sind wir mit
ihm. Aber die Funktion des Wortes können wir unmöglich so hoch schätzen
wie er (S. 13: Mystik des Wortes; 15, 19, 20). Dazu möchten wir noch stärker,
als es der Verfasser tut, betonen, daß die neue Bühne in seinem Sinne die Bühne
unserer Zeit (S. 16ff.) sein wird. Wir wollen damit die kulturelle Bedingtheit
der jeweiligen Kunstform hervorheben: »Es ist nicht zu allen Zeiten alles möglich«
(H. Wölfflin). Es ist auch nicht zu allen Zeiten dasselbe Bedürfnis.

Ganz eins sind wir aber mit dem Verfasser, wenn er die Souveränität der
Kunst, der Bühne gegenüber dem Nationalen ohne unsachliche Rücksichten vertritt
und erklärt: »Distanz sei ihr oberstes Prinzip — Distanz von künstlerischer Gestal-
tung zu den Daten des nationalen Lebens. So nur kann das Volk zum Geistigen . . .
hingeführt werden« (S. 23). Nur daß der — zu neuer Wertung gelangende —
Begriff des Geistigen im Ganzen der Schrift wenigstens einen reicheren und da-
durch klareren Inhalt haben sollte.

München. Georg Schwaiger.
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