Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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VI.

Klassizismus.

Von
Paul Ferdinand Schmidt.

Die Begriffe des Klassischen und Klassizistischen werden nicht
immer mit genügender Klarheit auseinander gehalten. Solange man
freilich die Kunst ausschließlich von dem ästhetischen Standpunkt
der Einfühlung ansieht und das Klassische als Gipfelpunkt aller Kunst
betrachtet, ist es nicht leicht, den Unterschied dauernd festzuhalten.
Vielleicht gibt aber die dualistische Ästhetik, die, von Alois Riegl an-
gebahnt, durch Worringer ihre wissenschaftliche Begründung erhalten
hat, einige Anhaltspunkte zur Klärung an die Hand.

Warum ist Raffael nie als Klassizist angesehen worden, und warum
sind es Poussin und Carstens?

Mit diesen drei Namen sind zugleich die bezeichnendsten Vertreter
der Nationen genannt, um die es sich hier handelt. In Italien tritt der
Klassizismus erst auf, als ursprüngliche Schöpferkraft und Tradition
erloschen waren — und damit eine Entwicklung von sechs Jahr-
hunderten ihr natürliches Ende gefunden hatte; obwohl sich Talente
von einigem Rang fanden, die nun, wie Batoni und Canova, vor
der Frage eines Neubeginns standen und mit einer gewissen Selbst-
verständlichkeit zu dem Auskunftsmittel griffen, das Klassische zu
imitieren; also da anzuknüpfen, wo der Höhepunkt ihrer nationalen
und der antiken Kunst lag. Daß ihre Nachahmung von dem all-
gemeinen Zeitstil abfärbte, begreift sich in einer Epoche, da Kunst
und Theorie so international waren wie nie zuvor. Die Wurzeln dieses
Stils sind daher nicht in ihnen selbst zu suchen; der Klassizismus ist
außerhalb Italiens entstanden.

Als der erste und bedeutendste Vertreter des Klassizismus hat immer
Nicolas Poussin gegolten. Was unterscheidet seine Werke von denen
Raffaels, dem er so viel verdankt, dem er oft so nahe kommt? Ist es
allein das Abhängigkeitsverhältnis des Spätgeborenen? Aber Raffael
verdankt der Antike und Michelangelo ebenso viele Anregungen wie
Poussin von ihm und der Antike erhielt; und er zählt doch zu den
Häuptern der Renaissance, d. h. zur klassischen Kunst.
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