Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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II.

Das Epos.

Ein Kapitel aus der Geschichte der poetischen Theorie.

Von

Jonas Fränkel.

»Errötet man nicht, wenn man das Verzeichnis der
Epopoeen lieset, an denen sich jahrtausendelang unsere
geduldigen Vorfahren taub gehöret, blind gelesen?«

Herder.

Auf keinem anderen Gebiete der Poetik, die ja mehr noch als
irgendein anderer Teil der Kunsttheorie überkommenen Wortfetischen
huldigt, haben sich im Laufe der Zeiten so viel Mißverständnisse, Irr-
tümer und falsche Wertungen angehäuft wie im Kapitel über das
Epos. Das Wort selbst hat seinen einstigen klaren Inhalt für die
Vorstellung längst verloren. Noch vor hundert Jahren bedeutete das
Epos das Allerheiligste im Tempel der Poesie, vom Schauer des Un-
nahbaren umwittert. Der Kranz des Epikers erschien als der höchste
Preis, den nur der Auserwählte zu erringen hoffen durfte. Heute
ist >Epos« ein dehnbarer Begriff geworden, unter den sich die ver-
schiedenartigsten Dinge bringen lassen. Eine Erzählung in Versen oder
ein psychologischer Roman werden mit gleicher Unbefangenheit als
Epen bezeichnet wie die homerischen Dichtungen. Das Gemeinsame
aber besteht in einem Äußerlichsten: in dem Umstand, daß sowohl
in einer versifizierten Chronik oder Novelle als in einem Roman und
in der Ilias erzählt wird. So wenig hat sich die Poetik seit Ari-
stoteles entwickelt, daß sie noch heute an des Stagiriten rein techni-
schem (grob-technischem) Einteilungsprinzip der Dichtung festhält.

Gegen den aristotelischen Begriff der Gattungen in der Poesie
ist jüngst Benedetto Croce (dessen tapfere Gesinnung sich ja auch
in dieser die Geister verwirrenden Zeit rühmlich bewährt hat) Sturm
gelaufen. Allein es gilt nicht, den Gattungsbegriff an sich aufzu-
heben, es erscheint vielmehr wünschenswert, ihn auf neuen Boden zu
stellen, der Vermischung des Heterogenen entgegenzutreten und nach
unterscheidenden Merkmalen zu suchen, die nicht vom Äußerlichen
und Zufälligen, nicht ausschließlich von formalen Elementen ausgehen,
sondern von der Spannweite der schöpferischen Energie in einer Dich-
tung bestimmt werden.

Das Epos hat seinem Wesen nach nichts gemeinsam mit dem
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