Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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III.
Der Beginn des Barock in der Musik.

Von

Egon Wellesz.

Das musikgeschichtliche Studium hat in den letzten Jahrzehnten
einen bedeutenden Aufschwung genommen. An Stelle einer, auf
romantischen Neigungen beruhenden Sammlertätigkeit, oder einer ein-
seitigen Verehrung einzelner Größen, denen man allen Fortschritt in
der Musik zuschreiben wollte, ist jetzt ein planmäßiges, und bis vor
Kriegsbeginn sogar in großzügiger Weise international organisiertes
Arbeiten getreten, um vor allem einen möglichst vollkommenen Über-
blick über das zu gewinnen, was an Kunstwerken in den verschie-
denen Bibliotheken, Sammlungen und Archiven aus der Vergangenheit
erhalten ist.

Die früher unternommenen musikgeschichtlichen Gesamtdarstel-
lungen mußten daran scheitern, daß zu ihrer Zeit noch nicht genügend
viele Werke erschlossen waren, um sich an ein derart umfassendes
Beginnen heranzuwagen. Man kannte einzelne Perioden genauer,
manche überhaupt nicht, von anderen wieder hatte man eine verkehrte
Vorstellung. Erst jetzt, nach mehr als dreißig Jahren angestrengter
Editionstätigkeit, beginnt sich das Dunkel zu lichten, und läßt die
Umrisse der musikalischen Entwicklung deutlicher hervortreten, deren
Verlauf ein wesentlich anderer gewesen ist, als man auf Grund der
bisherigen Universalgeschichten der Musik hätte annehmen müssen.

Immer deutlicher zeigt es sich auch hier, daß die Entwicklung des
musikalischen Kunstwerkes aufs engste mit den allgemeinen kulturellen
Strömungen seiner Zeit zusammenhängt; daß sich daher auffallende
Parallelen mit der Entwicklung der übrigen Künste ergeben, wenn
man sich nur darüber klar wird, welches die Hauptprobleme ihrer
Epoche gewesen sind.

Die folgende Darstellung ist aus Studien entstanden, welche ich
betrieb, um über die Faktoren, welche das Zustandekommen des
Musikdramas um 1600 begünstigten, Klarheit zu gewinnen. Sie reichen
eine Reihe von Jahren zurück und knüpfen zum Teil an eine kleine
Abhandlung »Renaissance und Barock« an, welche in der Zeitschrift
der Internationalen Musikgesellschaft 1909, Heft 2, erschien.
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