Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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304 BEMERKUNGEN.

Dies Wort erschließt Hebbels Charakter als eines Dramatikers. Das Ver-
hältnis des Individuums zum Staat war es, was seiner Zeit als schwer
lastende Frage, als tiefste Angelegenheit der (politischen) Weltanschauung auf der
Seele lag; und wie seiner Zeit, so ihm selbst. Die aus dem innersten Bedürfnis
seines Denkens heraus gestellte Frage nach dem Verhältnis des Individuums zum
Staat bestimmte seine Dramatik schon in der »Judith«, vollends in »Herodes und
Marianne«, in »Agnes Bernauer« und in künstlerisch reifster Form in »Gyges und
sein Ring«.

Bei Grillparzer zeigt sich nicht eine Spur von diesem Hebbelschen Kraft-
mittelpunkte dramatischer Gestaltung; selbst nicht bei Werken, die ohne diese, alles
in ihren Bannkreis ziehende Frage nach dem Verhältnis des Individuums zum Staat
kaum denkbar scheinen: selbst also nicht bei »König Ottokars Glück und Ende«.
Aber auch seinen Aufzeichnungen können wir ein Wort entnehmen, das uns mitten
in die ihm eigene Art dramatischer Gestaltung führt: Über seine »Sappho« schreibt
Grillparzer, daß sie die dramatische Umschreibung des Wortes vom »malheur de'etre
poete« sei. »Ich verfiel auf Sappho; ein Charakter, der Sammelplatz glühender Lei-
denschaften, über die aber eine erworbene Ruhe, die schöne Frucht höherer Geistes-
bildung das Zepter führt, bis die angeschmiedeten Sklaven die Ketten brechen und da-
stehen und Wut schnauben.« Grillparzer sieht sich also von vornherein nicht einem
Verhältnis zwischen dem Individuum mit seinen Ansprüchen und dem Staate mit
seinen Forderungen gegenüber; sondern einzelne Individuen in starker Ausprägung,
sei es als Dichterin in Sappho, als Priesterin in Hero, als dämonisches Weib in
Medäa, als schrankenlos Ehrsüchtiger in Ottokar — einzelne scharf geprägte Indi-
viduen also nach all ihren Charakterbestimmtheiten zur Ausführung zu bringen, das
war die Aufgabe, die der Dramatiker Grillparzer sich stellte.

Wie eine Kritik dieser Grillparzerschen Kunstabsicht wirkt eine Bemerkung in
Hebbels Tagebüchern vom 29. November 1841: »Komödie und Tragödie sind jedoch
im Grunde nur zwei verschiedene Formen für die gleiche Idee. Warum aber haben
wir Neueren keine Komödie im Sinne der Alten? Weil sich unsere Tragödie schon
so weit ins Individuelle zurückgezogen, daß dies letztere, welches der eigentliche
Stoff der Komödie sein sollte, für sie nicht mehr da ist.«

Dieser Unterschied zwischen beiden Dramatikern erscheint trotz alledem nicht
entscheidend. Eines scheint das andere nicht auszuschließen und also der Unter-
schied keineswegs der Grund eines Stilgegensatzes werden zu können. Hebbel
kann nicht ohne Individualisierung seiner dramatischen Gestalten auskommen, so
wenig Grillparzer seine Individuen scharf ausprägen kann, ohne sie in irgend ein
Verhältnis zu Gesellschaft und Staat zu stellen.

Aber »das Eine nicht ohne das Andere« bedeutet keineswegs, daß in den
Augen der beiden Dramatiker diese beiden Interessen nun gleichwertig wären;
vielmehr vermag jeder nur in dem Einen dramatisch zu denken, wiewohl auch das
Andere nicht unbeachtet bleibt. Denn diese beiden Interessenmittelpunkte bilden
tatsächlich einen tiefen Interessengegensatz, der auf einen Weltanschauungsgegen-
satz zurückgeht. Das aber heißt, daß es um einen dramatischen Stilgegensatz sich
handelt, der das gesamte dramatische Schaffen beider von Anfang bis Ende be-
herrscht. Und wie es bei allen echten Stilgegensätzen ist, daß sie sich nicht er-
schöpfen in Gegensätzen bloß individueller Eigenart (die als solche immer nur
»Manier« sind), sondern, daß sie Gegensätze der Kunstform überhaupt sind, sei es
der Dramatik, sei es der Malerei, — so muß erwartet werden, daß der Stilgegen
satz zwischen Grillparzer und Hebbel ein unpersönlicher der dra-
matischen Kunst überhaupt ist.
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