Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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302 OTTO BRAUN.

beruht das Wesen der gesamten Kultur. Jedenfalis aber gibt es be-
deutsame Kulturbewegungen, die neben dem Expressionismus als
ebenfalls voll berechtigt anerkannt werden müssen — die Tyrannis
des »neuen Geistes«, als des einzig berechtigten, ist abzulehnen. Der
Expressionismus ist eine Antithesis, die in einer höheren Synthesis
aufgehoben werden muß. Er läßt die tiefen und notwendigen Kräfte
des Realismus, die ein Ertrag des 19. Jahrhunderts sind, nicht zu ihrem
Recht kommen — und gelangt zu keiner Klarheit über das Wesen des
Geistes. So bleiben auch alle Bemühungen der modernen »Jugend-
bewegung«, den Expressionismus zu positiver Tat zu entwickeln, nutz-
los oder gefährlich — und wenn man gar von »expressionistischer
Politik« spricht, wie im Aktionisten - Jahrbuch von Hiller, so be-
schleicht einem das Gruseln. Es muß eben erst gelingen, die wirk-
lich schaffenden Kräfte der Zeit mit dem Expressionismus in eine
fruchtbare Verbindung zu setzen — dann wird sich auch das Beste,
was draußen im Schützengraben erwächst, zu produktiver Entwicklung
in der Heimat zusammenfassen.
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