Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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BEMERKUNGEN. JQ7

Natürlich wird sich niemand, der nur einigermaßen die kunstgeschichtliche
Entwicklung eines Volkes überblickt, der Meinung hingeben, als müßte jede neue
Richtung jedesmal durchaus Neues bringen. Es besteht hier ein tiefer Unterschied
zwischen dem Erkennen des schaffenden Künstlers und des Kunstgelehrten, der
Gespräche zwischen beiden oft nicht ganz erquicklich werden läßt. Jener, dem die
historische Einstellung mangelt, hält in seinem praktischen Enthusiasmus und im
Bewußtsein, nichts als Selbsterlebtes ans Licht zu bringen, seine Entdeckungen
oftmals in allem und jedem für eine Art Offenbarung, während doch eine frühere
Generation oft schon Ähnliches gedacht und geschaffen hat. Der Wissenschaftler
jedoch, allzu belastet mit dem Riesenbündel der Überlieferung, verkennt die intuitive
Erlebniskraft des künstlerischen Menschen und ist bisweilen geneigt, dessen Feuer
mit den trockenen Worten des Hauptträgers jüdischer Tradition abzukühlen: »Alles
schon dagewesen«.

Ausgleichende Betrachtung wird aber in jeder neuen Kunstrichtung zunächst
einmal einen unbestreitbaren Wert anerkennen: die Tatsache eines neuen, vom Be-
stehenden losstrebenden Erlebens, wobei es durchaus gleichgültig ist, ob dies Neue
schon früher einmal ähnlich erlebt worden ist oder nicht. Dabei soll die Wichtig-
keit des Vergleichs für die Wissenschaft nicht bestritten werden — in künstlerischen
Fragen aber, in der ästhetischen Wertschätzung kann er nur dann eine Rolle
spielen, wenn direkte Entlehnung aus eigener Schwäche nachgewiesen ist. Dies
ist aber durch Aufzeichnung einiger Parallelstellen noch lange nicht getan. Ähn-
liche Erlebnisse, gezwungen, aus einem zwar in sich variablen, aber doch be-
grenzten Stoffe ihre Form zu schaffen, erzeugen mit Notwendigkeit ähnliche Aus-
sprache, ohne daß dabei eine Übermittlung von der älteren zur jüngeren Epoche
stattfinden muß.

So ist es z. B. geradezu erstaunlich, wie sich der für die Stimmung um 1840
so überaus charakteristische Roman »Aus der Gesellschaft« von Gräfin Ida Hahn-
Hahn auflösen läßt in eine Menge von Einzelzügen, die alle schon in der Genie-
periode dagewesen sind: das zitternde Gefühl einer neuen Zeit, eine ausgeprägte
Individualethik mit ihrer übertriebenen Angst vor nivellierenden Strömungen, der
Glaube an den Genius und die Macht des Menschen über das Schicksal, die mit
allem extremen Subjektivismus verbundene erotische Amoralität und Verachtung
äußerer Formen sowie der Glaube an das Machtweib, anderseits mangels einer
inneren Dominante das Gefühl der Zerrissenheit, des Weltschmerzes, der quälenden
Rastlosigkeit und der nie endende Kampf zwischen realistischer und idealistischer
Auffassung der Welt. Dennoch läßt sich dieser Frauenroman ebensogut aus der
geschichtlichen Konstellation nur seiner Zeit heraus erklären, wie ein Drama des
jungen Klinger oder Lenz aus den Tendenzen des Sturms und Drangs. Die Gleich-
heiten erzeugen sich hier nicht durch Übernahme, sondern durch mancherlei Ähnlich-
keiten der Zeitseele von 1775 und 1838. Und wer sich mit der Aufstellung der
inhaltlichen Ähnlichkeiten nicht begnügt, wird trotz ihrer das Werk von Ida Hahn-
Hahn als etwas durchaus anderes empfinden als irgendeines der Genieperiode. Bei
dieser die zum Himmel schlagende Flamme jugendlichen Feuers, ein Denken, in
das die ganze Kraft des Herzens hineingeströmt ist — bei der Gräfin Hahn eine
schriftstellerische Art, der die Geistesarbeit der Romantik ihre Merkmale aufgedrückt
hat. Eine reflektive Zersetzung des Erlebens hat stattgefunden, nicht mehr künstler-
haft junges Ungestüm hat die Oberhand, sondern ebensosehr bewußter Radika-
lismus in allen Ideen.

Welchen Sinn aber, so fragen wir, hat nun eigentlich die Aufstellung von
Gleichheiten in von einander unabhängigen Werken verschiedener Epochen? Un-
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