Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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BESPRECHUNGEN. 205

durch welche ohne Beeinträchtigung des strengsten Kausalnexus das Überraschende
erzeugt wird« (c. 10, 11), »um erst dann« (III) »die tragische Handlung an sich und
die Art zu betrachten, wie durch Benutzung jener tragischen Momente die Wirkung
jener erhöht wird«. Ich finde, daß in diesen Sätzen und in Vahlens weiterer Er-
örterung das Verhältnis von I und II nicht genügend klar wird; davon ist aber das
Verständnis des Zusammenhanges wesentlich bedingt. Vahlen meint, Aristoteles
lasse den Schluß, daß die verflochtenen Handlungen auch die schöneren seien, in
c. 10,11 mehr erraten, um ihn erst im Anfang von c. 13 »als Voraussetzung und Grund-
lage einer neuen Betrachtung« auszusprechen. Dieser Schluß braucht aber nicht
erraten zu werden, sondern drängt sich mit unbestreitbarer Folgerichtigkeit auf,
wenn wir die Ausführungen in c. 10 als Anwendung der allgemeinen Erwägungen
von c. 9 auf den besonderen Gegenstand der tragischen Handlung ansehen.

C. 9 (Schluß) handelt vom Überraschenden (ö-au|j.aaxöv), das die tragischen
Affekte bedeutend steigern könne — unbeschadet der immer vorausgesetzten Ge-
schlossenheit der dramatischen Handlung (xeXeta? jupäSeax;). Ursächliche Folge und
Überraschung schließen einander nicht aus; im Gegenteil, der sinnvolle Zufall1),
daß der Mörder des Bitys durch dessen Bildsäule zerschmettert wird, wirkt doppelt
erschüternd, weil hier »der Eindruck des Absichtlichen vorliegt (u>oitsp £isitv)8b? <pa£-
vetat fefovhu:)«. Hier liegt nun schon einer jener plötzlichen Glückswechsel vor,
von denen dann in c. 10 ausführlicher die Rede ist. An Überraschungen, die jenen
Forderungen genügen, kannte das griechische Theater vor allem die Wiedererken-
nung lange Getrennter und jene sinnvollen Zufälle, die auf eine höhere als die
empirisch-logische, die auf eine ethisch-metaphysische Gesetzmäßigkeit hinzuweisen
schienen. Die fl-aujiacsTa erfolgen zwar icopä t-tjv 8ö£av, aber doch 8t' aXX-rila und v.ara
tö elxö; 7] zb äva^v-alov (vgl. auch c. 7, Schluß).

So hängen c. 9 und 10 aufs engste miteinander zusammen: dort die allgemeine
Erwägung, hier die Anwendung auf einen besonderen Fall. Rechnet doch Aristo-
teles 2) auch in seiner Rhetorik zu den •5r54a die 8-aufiaatä, und zu den letzteren ge-
hören da ai TCEptTTSTEtai XtX.

Nun aber bringt der Schluß des c. 11 noch die knappen, oft mißverstandenen
Worte des Aristoteles über das »Pathos«. Mit Recht weist Vahlen (S. 38) Lessings
und andrer Auffassung ab, als meine der Philosoph damit »das der Tragödie
schlechthin notwendige Element, zu dem Peripetie und Erkennung hinzutreten oder
nicht. In diesem Betracht sind alle drei Glieder des Mythos einander gleich, daß
sie demselben als einzelne Momente der Handlung einverleibt werden können«.
Dagegen können wir Vahlen nicht mehr zustimmen, wenn er weiterhin behauptet,
»daß Peripetie und Erkennung gemeinsam durch das in ihnen liegende überraschende
Moment die tragische Wirkung schärfen, das itäftcx; dagegen als solches durch
die Voraugenstellung der blutigen Tat dieselben tragischen Affekte in Bewegung
setzt«. Damit würde der enge Zusammenhang der cc. 9—11, den wir eben fest-
stellten, unterbrochen, und auch nach Vahlens eigener Auffassung möchte eine Be-
merkung über die Erregung von Furcht und Mitleid doch wohl besser in c. 13 ff.
hineingehören. Gerade wenn es sich aber hier nicht um das uns so geläufige,
allgemeine tragische Pathos, sondern, wie Vahlen richtig sagt, um einzelne »leid-
volle Schmerz oder Verderben bringende Taten« handelt, dann reiht sich der Be-
griff des näfroc, trefflich dem Oberbegriff des »Überraschenden« unter, der am Ende

') Vgl. Volkelt, Ästhetik des Tragischen, 3. Aufl., S. 115.

2) An einer von Vahlen in seinen gewichtigen Anmerkungen (S. 258 f. zu unserem
Abschnitt) herangezogenen Stelle. Rhet. I, 11, 1371b, 10.
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