Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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BESPRECHUNGEN. 207

der Größe des Charakters verbunden sind«, und das »obsiegende« Tragische, das
sich in Glück und Versöhnung wendet, soll sich auf den tiefsten Sinn des Welt-
geschehens »anwenden« lassen. Alle diese Ausdrücke erklären sich aus der An-
ordnung des ^Buches, in dem das metaphysisch Tragische einen Anhang bildet,
während der Sache nach, denke ich, die Tragik im Weltgrunde den Ursprung jeder
anderen Form von Tragik bezeichnet.

Sehr schön entwickelt Volkelt, daß der Weltlogos irrational durchsetzt und daher
der Tragik verfallen ist, daß die unbedingten Werte sich nur verwirklichen, indem sie
mit ihrem Gegensatz, dem Nichtseinsollenden, ringen. Mit innerer Ergriffenheit
schildert er als die Tragik des einzelnen Menschen das furchtbare Wissen von der
tierischen Natur, in der doch das Feuer des Göttlichen lebt. Dann wendet er sich
der Geschichte der Menschheit zu, die voll von Tragödien ist, und schließlich dem
Weltkrieg; den Krieg betrachtet er als äußersten Gegenstoß des Irrationalen gegen
das fortschreitende Hervortreten der Vernunft und der Menschheitsentwicklung.
Das Buch entläßt den Leser mit einem Ausblick auf eine durchgeistigte Kultur
»im Sinne einer edleren, vom Göttlichen tiefer und tiefer durchdrungenen Mensch-
lichkeit«.

Berlin. Max Dessoir.

Curt Glaser, Munch. Berlin 1917 bei Bruno Cassirer.

Wenn von Curt Glaser ein Buch über Edvard Munch erscheint, so darf man
erwarten, daß hier etwas Grundlegendes gesagt wird; denn der Verfasser, der schon
vor langem die Bedeutung des Künstlers erkannte und verteidigte, ist der Schöpfer
der besten graphischen Munchsammlung, nämlich der des Königlichen Kupferstich-
kabinetts in Berlin.

Die Erwartung wird übertroffen. Auf 113 Druckseiten gibt Glaser nicht nur
eine fast erschöpfende Darstellung von Munchs Kunstentwicklung, er gibt eine vor-
bildliche moderne Künstlerbiographie überhaupt. Mag nun vielleicht auch ein
großer Teil des Grundes in Munchs Verschlossenheit und in der Untunlichkeit liegen,
in sein Privatleben hineinzuleuchten, so berührt es sympathisch und erscheint fast
Programm, daß in dieser Biographie die Darstellung der Lebensschicksale auf das
allernötigste reduziert ist. Wiewohl Munch »Expressionist« ist, und seine Werke
nicht anders von ihm empfunden werden, denn als Objektivationen seiner inneren
Erlebnisse, so tragen sie eben doch so sehr den Stempel des Absoluten, daß es für
den Beschauer gar nicht nötig ist, die zufälligen Begebenheiten zu kennen, denen
sie ihre Entstehung verdanken. Wie bei allen großen Künstlern dehnt sich für
Munch die persönliche Erfahrung jeweils so sehr ins allgemeine, oder besser ge-
sagt, sie reduziert sich so sehr, daß am Ende als Erlebnisquellen nur noch Natur,
Geburt, Tod, Liebe und Haß stehen bleiben. Sie sind allen gemein. Zu ihrem
Verständnis ist die Kenntnis persönlichsten Lebens überflüssig..

Die Biographie kann aber auch in ein anderes Extrem verfallen. Könnte man
die eine Art, wenn auch heute zumeist veraltet, doch noch immer lebendig, die
heroische nennen, so mag man der anderen den Namen der ideologischen geben.
Ohne meist im Besitz der dazu notwendigen konstruktiven Kraft zu sein, die ihn
umdrängende Fülle der Probleme zu bändigen und dem Reichtum der Erscheinungen
das Netz eines Systems überzuwerfen, verliert sich dort meist der Schreiber an ein
Heer sich überstürzender Ideen, denen weitab bis tief ins Gebiet der Philosophie
nachzujagen er sich nicht bezwingen kann, den Menschen selbst und die gebändigte
Darstellung des Problemes seiner Kunst tief unter sich lassend.
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