Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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208 BESPRECHUNGEN.

Glaser hat mit ungezwungenem Instinkt die Mitte getroffen. Der Kern seiner
Darstellung bleibt ihm immer der Mensch in seiner künstlerischen Existenz. An
der Hand der Werke, sich kaum eine Abschweifung gestattend, die nicht sachlich
zu rechtfertigen wäre, entwickelt er Munchs Kunst von den impressionistischen An-
fängen bei Christian Krogh über die große alles auf das Typische steigernde Epoche,
die besonders bei uns bekannt ist, bis zum reifen Stil des objektiven Daseins. »Der
Künstler lebt selbst mit den Elementen. Er malt nicht die Wirkung auf das Gemüt,
sondern das objektive Dasein.« Ohne den Dingen bis in ihre letzten Wurzeln nach-
gehen zu wollen, was dem Verfasser jenseits der Grenzen analytischer Kunst-
betrachtung zu liegen scheint, sieht er sie vom Standpunkt gereifter Sachkenntnis
und eines nachdenklich erlebten Daseins. Dadurch gewinnt die Schilderung dieses
Lebens eines Malerbekenners auch den Reiz eines Bekenntnisses der Verfassers.
Was bei dieser Gelegenheit zu den Fragen der jüngsten Kunst gesagt wird, ist
höchst lesenswert.

Mit Glück überwindet Glaser auch die Klippe des mystisch-irrationalen Elementes
bei Munch, besonders in dessen Frühzeit. Mit einer Formel wäre man dem ebenso
wenig gerecht geworden, wie mit seiner Ignorierung zugunsten des Technisch-
Materiellen. Der Verfasser löst für sich die Frage durch ein literarisches Nach-
schaffen der Visionen des Norwegers, wobei die Kraft und die Schmiegsamkeit der
Sprache zu bewundern ist. Wollte man einen Vorwurf gegen das ausgezeichnete
Buch erheben, so könnte man vielleicht ein Eingehen auf die unleugbar starken
Beziehungen des jungen Munch zur Literatur der Zeit, besonders zu Strindberg
vermissen. Aus ihnen ließe sich ein großer Teil der Epoche nach Inhalt und sogar
auch nach Form erklären.

Ein Verzeichnis der Hauptwerke bietet das Nachwort. 78 ganzseitige, sehr
sorgfältig gefertigte Abbildungen auf Tafeln sind beigefügt.

Berlin. Alfred Kuhn.

Wilhelm von Humboldt, Ausgewählte Schriften. Herausgegeben von
Theodor Kappstein. Verlegt bei Wilhelm Borngräber, Berlin 1917. 8°. 527 S.
Aus dem vorliegenden ersten Band verdienen für die Leser dieser Zeitschrift
besonders hervorgehoben zu werden: der Aufsatz über die männliche und die weib-
liche Form, die Kennzeichnung Schillers und die achtundzwanzig Stücke, die Kapp-
stein aus den elfhundertdreiundachtzig Sonetten der letzten Lebensjahre ausgewählt
hat. Die kurze Einleitung des Herausgebers ist wohl geeignet, Fernerstehende in
die Art Humboldts einzuführen. Ich wünsche dem Unternehmen guten Fortgang.

Berlin.

Max Dessoir.
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