Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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VIII.

Kunstwissenschaft und Kulturphilosophie
mit gemeinsamen Grundbegriffen.

Von

August Schmarsow.

II.
Wenn »schon das Altertum erkannt hat, die eine Kunst gebe die
Dinge, wie sie sind, die andre, wie sie zu sein scheinen,« so kommt es
für uns vor allem darauf an, auszusprechen, daß damit nur die beiden
darstellenden Künste gemeint sein können, die auch das Altertum
schon als grundsätzlich verschiedene und zu voller Selbständigkeit
ausgebildete Einzelkünste besaß: die Plastik und die Malerei. Es
ist aber auch ferner wohl eine allgemein anerkannte Tatsache, mit der
wir rechnen dürfen, daß die Plastik für das klassische Altertum die
eigentlich maßgebende Kunst gewesen, von der alle weiteren Ver-
zweigungen des künstlerischen Schaffens bestimmt und durchdrungen
wurden. Und zwar ist es gerade ihr Charakter als Körperbildnerin,
der auch für die Architektur wie für die Malerei maßgebend war.
Das spricht sich für den Tempelbau mit seinen vollrund aufgerichteten
Säulen sogar heute noch in der kurzsichtigen Meinung aus, das plasti-
sche Wesen herrsche hier so vollständig und ausschließlich, daß von
Raumgestaltung eigentlich gar keine Rede sein könne. So urteilt
selbst ein Ästhetiker wie Theodor Lipps und verkennt damit selt-
samerweise, daß doch die Cella jedenfalls als Innenraum dasteht, und
daß auch ein offener, um diesen Kern des Ganzen etwa ringsherum
laufender Säulengang doch ebenfalls ein Raumgebilde darstellt, dessen
Gangbreite, zwischen Wand und Peripteros, auf jeder Seite eine eigene
Raumschicht bleibt und dessen besondere Aufgabe wir nur als all-
seitige Vermittlungszone, sei es auch zunächst für den andringenden
Blick allein, auffassen können, aber kraft ihrer Schalträume zwischen
den Säulenstämmen auch tatsächlich als solche hinnehmen müssen.
Die Rolle freilich, die der plastisch durchorganisierte, zu starker Selb-
ständigkeit gesteigerte Einzelkörper der Säulen, auch unter dem Joch
des gemeinsamen Gebälks — zwischen Fußboden und Dach —, zu
spielen hat, berechtigt vollauf, von Vorherrschaft statuarischer Denk-

Zeitschr. f. Ästhetik n. allg. Kunstwissenschaft. XIII. 15
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