Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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BESPRECHUNGEN. 327

die, wie er selbst betont, aus gelegentlichen Vorträgen erwuchs, beabsichtigen
konnte. Die neue 4. Auflage des weitverbreiteten Buches über Nietzsche will eine
Feldausgabe sein. Im wesentlichen ist sie die gleiche geblieben wie die dritte.
Mit dem beabsichtigten weiteren Wirkungsfeld ist eine Erweiterung des Vortrages
nicht eingetreten. Und so ist jene erweiterte Wirkung mehr von dem augenblick-
lichen Neuaufleben des Interesses an Nietzsche zu erwarten als von neuen Quali-
täten der Schrift. Den Tausenden, die mit dem Zarathustra im Tornister hinaus-
marschiert sind, wird das Buch ein neuer Helfer im Verständnis der widerspruchs-
vollen Gedankengänge und aphoristischen Sprunghaftigkeit Nietzschescher Ethik
sein. Für die Fachwissenschaft, in welcher das Vaihingersche Buch seit langem
einen ersten Platz einnimmt, bietet die Neuauflage keine neuen Gesichtspunkte.
Das Grundprinzip Vaihingers, die Nietzschesche Lehre sine im et studio wie ein
Gemälde aufzurollen (S. 14), ist weiterhin festgehalten worden. Vaihinger sieht in
Nietzsches Lehre einen positiv gewendeten Schopenhauerianismus, und zwar positiv
gewendet unter dem Einfluß des Darwinismus (S. 32). Aus dieser »Umwertung«
Schopenhauerscher Willensmetaphysik erklärt er die »sieben charakteristischen Haupt-
tendenzen« bei Nietzsche, und zwar: die antipessimistische, die antichristliche, die
antidemokratische, die antisozialistische, die antifeministische, die antiintellektualisti-
sche und die antimoralistische. Kurz formuliert erscheint der Nietzscheanismus als
optimistisch-voluntaristischer Realismus (S. 79). Doch kann das Eigentümliche, das
spezifisch Nietzschesche nach Vaihinger durch solche allgemeine und positive Merk-
male überhaupt nicht erfaßt werden, sondern dazu bedarf es eben der Aufzählung
»aller jener besonderen negativen Tendenzen, in deren Verbindung das Eigentlichste
von Nietzsche besteht«. An aktuellem Reiz hat das Buch Vaihingers durch zwei
Gesichtspunkte gewonnen, die beide außerhalb des Buches selbst liegen. Einmal
durch die Umwertung Nietzschescher Weltanschauung zu einer politischen Macht
durch die Engländer im jetzigen Weltkriege. Anderseits durch den Gegensatz der
durch den Weltkrieg geschaffenen politischen Lage zu dem übernationalistischen
Ideal Nietzsches vom »guten Europäer«. Diese beiden Momente stehen gegen-
wärtig im Vordergrund des Bewußtseins der Kriegführenden, und so ist die Frage
nach dem eigentlichen Sinn Nietzschescher Gedankenbildung lauter denn je ge-
worden. Sie ist eine unmittelbare Lebensfrage geworden, eine Frage vor allem
des deutschen Volkes, gegen dessen angeblichen »Nietzscheanismus« Kanonen und
Maschinengewehre mobilisiert worden sind. Was bedeutet Nietzsche? fragt der
Denkende im Schützengraben und im bombensicheren Unterstand. Darauf will
Vaihinger Antwort geben. In diesem Sinne kann man seiner objektiven, klaren
und vereinfachenden Darstellung die weiteste Verbreitung wünschen, wenn man
auch gegenüber Kernfragen wie der atheistischen Religiosität des Hammerphilo-
sophen (S. 8, 27, 44, 76) und seiner dämonischen Antithetik nicht nur eine syste-
matische und historische, sondern noch mehr eine psychologische Analyse wünschen
würde.

Auch scheint das Künstlerische in Nietzsche zu kurz zu kommen. Vaihinger
betont (allerdings in methodischer Absicht) nur den Philosophen in Nietzsche.
Dabei werden jene Eigenschaften, die Nietzsche zu einem Führer machten, seine
sprachschöpferische Kraft mit dem »ganzen Rüstzeug der antiken und modernen
Rhetorik und Stilistik«, seine drei Kunstmittel der Aphoristik, der Lyrik und der
Symbolik nur im Vorübergehen gestreift (S. 18—20). Vaihinger sagt wörtlich: »Was
nützt denn alle Kunst der Form ohne bedeutenden Inhalt?« (S. 21). Damit tut
er den Künstler Nietzsche ab, um sich dem Philosophen zuzuwenden. Ließe sich
nicht aber mit der gleichen Gedankenkonsequenz auch nachweisen, daß Nietzsche
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