Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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BESPRECHUNGEN. 331

(1, 2, 8, 9, 0) bevorzugt und die mittleren Zehntel (3, 4, 5, 6, 7) vernachlässigt wurden.
Wenn man ferner einer größeren Anzahl von Versuchspersonen die Aufgabe stellt, auf
ein gegebenes Signal hin von einem bestimmten Ausgangspunkt aus eine beliebige
Armbewegung unter n möglichen Bewegungen möglichst schnell auszuführen, so
stimmen die von den Versuchspersonen gemachten Bewegungen in großem Umfang
überein. Das Studium der Altersangaben auf altrömischen Grabsteinen ergibt die Be-
vorzugung von Zahlen mit den Endziffern 0, 5 und 8. Das gleiche Resultat ergab sich,
als man die Mitteilungen über die Altersangaben bei den Volkszählungen in Ala-
bama, Michigan und in den Vereinigten Staaten einer Untersuchung unterzog. Selbst
bei dem Strafausmaß durch die Richter wurden bestimmte Zahlen bevorzugt. Auch
die Schreibfehler verschiedener Personen stimmen in weitem Umfang überein; ein
und derselbe Fehler wurde oft von 33—70 Prozent der Versuchspersonen gemacht.
In einem andern Versuch hatten 138 der lateinischen Sprache unkundige Schüler
einen Teil des Lukasevangeliums abzuschreiben; 21 Prozent unter den fehlerhaften
Abschriften waren mit Textvarianten identisch. Versuche über Zeugenaussagen
lehren, daß nicht nur die richtigen, sondern auch falsche Antworten unter sich
übereinstimmen. Eine Reihe von historischen Ereignissen, z. B. die Tanzwut im
Mittelalter, die religiösen Epidemien in Rußland, die Tulpomanie und andere, finden
durch die Lehre von der Gleichförmigkeit des psychischen Geschehens ihre Er-
klärung.

Die Bedingungen für die wunderbare Gleichförmigkeit erblickt der Verfasser
1. in der Einwirkung kultureller Faktoren, 2. in der besonderen Bereitschaft mancher
»Reaktionen«. Diese besondere Bereitschaft kann bedingt sein durch gewohnte Be-
tätigungen und Bewußtseinsvorgänge; auch Sinneswahrnehmungen, welche einer
»Reaktion« vorausgehen, sowie die Richtung der Aufmerksamkeit können die Bereit-
schaft erhöhen. Daß die in einer bestimmten Richtung wirkende Suggestion die
Gleichförmigkeit des psychischen Geschehens erhöht, ist leicht verständlich.

Ausführlich behandelt der Verfasser das Gleichförmigkeitsproblem in der Psycho-
logie, Sprachwissenschaft, in den Geschichtswissenschaften, der sogenannten Völker-
psychologie, der theoretischen Physik, der angewandten Mathematik und der Bio-
logie.

Den Leser dieser Zeitschrift werden am meisten Marbes Ausführungen über
die Geschichtswissenschaften interessieren, denn zu den kulturellen Gleichförmig-
keiten, die Marbe hier untersucht, gehören auch die Gleichförmigkeiten im Gebiete
der Kunst, wo ja nicht selten zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern
unabhängig voneinander gleichförmige, künstlerische Leistungen auftraten. Schon in
den Bandverzierungen der jüngeren Steinzeit finden sich Ansätze zum Mäanderschema,
und das Rokoko und die Spätgotik entwickeln unabhängig voneinander einen Zierstiel,
der das Konstruktive gegenüber dem rein Schmückenden zurücktreten läßt. Auch
die suggestiv bedingte Übereinstimmung im Denken der Menschen tritt als Gleich-
förmigkeit der künstlerischen Beurteilung insofern in die Erscheinung, als die im
Laufe der Zeit wachsende Übereinstimmung der sich auf Kunstwerke beziehenden
Werturteile wesentlich mit der Suggestibilität und geistigen Trägheit der großen
Masse zusammenhängt.

Von größter Bedeutung ist das Kapitel über Völkerpsychologie und Rechts-
philosophie. Im einzelnen wird hier gezeigt, daß Wundts Lehre von der Volks-
seele, von dem Gemeinschaftsgeist und so weiter im wesentlichen auf der Gleich-
förmigkeit der psychischen Verhaltungsweise der Individuen beruht.

In mehreren Kapiteln behandelt der Verfasser die Wahrscheinlichkeitsrechnung
und wichtige Probleme der Logik und der theoretischen Statistik. Das Material
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