Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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358 JOHANNES VOLKELT.

quaiität gegenwärtig sein. Doch kommt es hier auf diese Steigerungen,
da sie auch fehlen können, nicht an.

Vorhin sagte ich: die Kunstwirklichkeit kennzeichne sich dadurch,
daß sie nicht als volllebendige Wirklichkeit, sondern als etwas, was
das »Aussehen einer Wirklichkeit« hat, auf uns wirke: sie habe, im
Gegensatze zu der gewöhnlichen Wirklichkeit, etwas Ideelles, Leicht-
wiegendes, Schwebendes, Geistangehöriges. Jetzt sind diese Bezeich-
nungsweisen deutlicher geworden. Besonders ist es die (sei es auch
nur in der Weise einer gegenständlichen Gestaltqualität mitangeschaute)
Künstlerzugehörigkeit, wodurch die Kunstwerke jenen eigenartigen
Wirk ichkeitscharakter erhalten.

Anders wird die Sachlage von Julius Pap angesehen. Wer eine
malerisch-bildnerische Darbietung anschaut, befindet sich nach Paps
Auffassung in einer »Grundfunktion«, die ein »Mittleres im strengen
Sinne« zwischen den »Kategorien der Wahrnehmung und der Vor-
stellung« bildet'). Ich verstehe nicht, wie man den vollen Gesichts-
wahrnehmungscharakter des Anschauens von gezeichneten, gemalten,
gemeißelten Kunstwerken in Frage ziehen kann. Die wahrgenommenen
Farben und Formen verändern ihre sinnliche Beschaffenheit nicht im
mindesten, mag ich sie in der Haltung des gewöhnlichen Lebens oder
mit künstlerisch gestimmtem Geiste betrachten. Es ist volles Wahr-
nehmen hier wie dort vorhanden. Die Psychologie des sinnlichen Wahr-
nehmens bleibt in ungeschmälerter Geltung, wenn das Anschauen
von Kunstwerken in Frage steht. Im Gegenteil liegt ein Sehen von
besonders frischer, hingebender Art vor, wo ein Kunstwerk den Gegen-
stand der Gesichtswahrnehmung bildet. Von einer Annäherung des
Sehens an das Vorstellen vermag ich, wenn ich durch ein Museum
schreite, so wenig etwas zu entdecken, daß sich mir vielmehr höchst-
mögliche Steigerung des Sehens fühlbar macht. Was sich am Wahr-
nehmen ändert, dies betrifft den Wirklichkeitscharakter des Gesehenen,
die dem Gesehenen eingeschmolzenen Faktoren, die Gestaltqualität
des Gesehenen. Die hiermit gegebene Veränderung vollzieht sich aber
durchaus innerhalb des sinnlichen Wahrnehmens. Das sinnliche
Wahrnehmen nimmt innerhalb seiner selbst ein verändertes Ge-
präge an.

11. Nach dem allen fällt der Eindruck der Kunstwirklichkeit als
solcher nicht unter den Begriff der schwebenden Illusion. Von einem
Dualismus zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, von einem ent-
täuschten Sichwegwenden und einem erneuerten Zugreifen ist nichts

') Pap, a. a. O. S. 12. An anderer Stelle (S. 9) spricht er in derselben Hinsicht
von einer Mitte zwischen der optischen Wirklichkeit und der abstrakten Gegeben-
heit des zeichensprachlich Festgelegten. Vgl. S. 161 f.
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