Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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360 JOHANNES VOLKELT.

unser »Lebenswille« ist aus dem Bewußtsein ausgeschaltet. So macht
sich im Kontrast mit dem Wirklichkeitsdrange des Alltags eine eigen-
tümlich gefärbte »Entlastung« fühlbar. Dieser Wandlung nun auf Seite
des anschauenden Subjekts entspricht auf der gegenständlichen Seite
eine Wandlung der Gestaltqualität: der Wirklichkeitscharakter erscheint
weniger schwer, weniger lastend; er hat nicht das Willenserregende
der sonstigen Wirklichkeit; er liegt nicht in derselben Ebene wie die
gewöhnliche Lebenswirklichkeit; er trägt nicht das Bitterernste dieser;
er scheint entstofflicht zu sein. Mit diesen Ausdrücken soll nur
angedeutet sein, was der ästhetische Betrachter als gegenständliche
Wandlung an der sich ihm darbietenden Wirklichkeit erlebt. Für die
passendste Bezeichnung dieser Wandlung aber halte ich den Aus-
druck »Schein«. Damit wird in zusammenfassender Weise auf das
gewandelte Wirklichkeitsaussehen des ästhetischen Gegenstandes hin-
gewiesen. Man denkt an das Verhältnis von wirklichem Ding und
Spiegelbild. Eine ähnliche Wandlung ins Bildmäßige ist es, was dort
vor sich geht, wo sich ein Gegenstand als ästhetisch wirksam aus der
umgebenden Wirklichkeit heraushebt1).

Die Kunstwirklichkeit nun schließt eine bedeutende Steigerung
des allgemeinen ästhetischen Scheines in sich. Die Gestaltqualität,
durch die ich den allgemeinen ästhetischen Schein gekennzeichnet
habe, — das Leichterscheinen, die Entstofflichung, die Bildhaftigkeit
erfährt in der Kunstwirklichkeit eine beträchtliche Weiterführung. Wenn
ich im Vorigen die Kunstwirklichkeit durch Ausdrücke wie »schwebend«,
»ideell«, »geistangehörig« gekennzeichnet habe, so liegt es auf der
Hand, daß damit auf eine Gestaltqualität der Kunstwirklichkeit hin-
gewiesen ist, durch die diejenige Gestaltqualität, welche die Kunst-
wirklichkeit schon vermöge des allgemeinen ästhetischen Scheines
an sich trägt, in hohem Maße verstärkt wird. Es ist daher durchaus
passend, diese im Vergleiche mit dem allgemeinen ästhetischen Schein
verstärkte Gestaltqualität der Kunstwirklichkeit als »Kunstschein« zu
bezeichnen2). Der Kunstschein ist sonach nichts Illusionsmäßiges. Er

') Pap vermißt an meinem »Schein«-Begriff die »Präzision« (a. a. O. S. 147).
Dieser Begriff bezeichnet diejenige Gestaltqualität an der ästhetischen Wirklichkeit,
die der Ausschaltung des Verwirklichungsstrebens aus dem Bewußtsein des ästhe-
tischen Betrachters entspricht. Dies liegt, wenn es auch nicht mit diesen Worten
gesagt ist, den Auseinandersetzungen im ersten Bande meines »Systems« (S. 542 f.)
zugrunde. Insofern allerdings sehe ich jetzt den Sachverhalt anders an als im
»System«, als ich dort glaubte: es sei mit dem Scheincharakter alles Ästhetischen
eine schwebende Illusion verknüpft. Ich nannte sie dort »Illusion der Wirklichkeit«.
In Wahrheit ist in der Gestaltqualität des »Scheines« nichts von einem Widerstreit
des Bewußtseins zu entdecken.

2) In anderer Weise gewinnt Dessoir (Ästhetik und allgemeine Kunstwissen-
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