Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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HUGO GOLDSCHMIDT.

Literatur: die Einsetzung des Abendmahls in der Matthäuspassionl).
Der Bibeltext geht aus von der Statuierung der Sendung des Herrn
als Erlösers. Bach war auch hier bemüht, die textliche Substanz zu
stärken. Dies geschieht durch eine charakterisierende Tonbildung
durch eine auf Versinnbildlichung unmittelbar gerichtete.

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Ich wer-de von nun an nicht mehr

Diese Gattung der Tonsymbolik beruht, im Gegensatz zu jener
mit Tonmalerei verknüpften, auf einem bewußten, aber freien, von
äußeren Vorgängen unabhängigem Charakterisieren. Ein logisch
nachweislicher Zusammenhang zwischen dem Symbol der Textvorlage
und der ihr entfallenden Tonbildung besteht nicht2). Trotzdem ver-
stehen wir, oder besser fühlen wir die Beziehungen des musika-
lischen Elements zum Begriff, zum Gedanken, zum Sinn der
Dichtung.

Ebenso wie der eigentlichen Tonmalerei sind die Prozesse der
Aufnahme ton symbolisch er Bildungen in erster Linie solche des
Verstandes. Das erhellt für diejenigen tonsymbolischen Komplexe,
die mit der Tonmalerei kompliziert sind, ohne weiteres. Um bei
dem obigen Beispiele zu bleiben: Der Schluß von dem tonmalerisch
geschilderten Verhalten, von dem Bilde des schwankenden Schrittes
auf den Begriff: Reue, oder Zerknirschung ist ein verstandesmäßiger.
Der Denkvorgang ist der, daß die Tonreihen, wie jede Musik, durch
Anschauung apperzipiert, gleichzeitig aber verstandesmäßig als Schilde-
rung des im Texte gegebenen Vorganges des schwankenden Schrittes
erkannt werden. Nun wird endlich aus dem erkannten Bilde des
schwankenden Schrittes durch Kontinuitätsassoziation auf den Begriff-
Reue, Zerknirschung geschlossen. Nicht viel anders wird diejenige
Tonsymbolik erfaßt, die auf freier Charakteristik beruht. Auch hier
wird die Beziehung der Tonphrase auf Abstrakta: Begriffe, Gedanken,
oder Sinn, durch einen Akt des Intellektes festgestellt. Der Hörer
bemerkt und versteht, daß die Tonreihen mehr sind, als ein Sinnlich-
Schönes und ein durch das Sinnlich-Schöne hindurch Charakteristi-
sches. Er bemerkt, daß der Künstler intentional mit ihnen auf jene
Abstrakta der Dichtung hat hinweisen wollen. Das Symbol als

•) Eulenburg S. 7.

2) Abert, Die Musikanschauung des Mittelalters (179), nimmt an, daß die sym-
bolisch-allegorische Ausdeutung der musikalischen Elemente, wie sie das frühe
Mittelalter entwickelt hatte, in einzelnen Anschauungen sich bis in die Zeiten Bachs
fortgepflanzt habe!
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