Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Bemerkungen.

Zur Bedeutung des Tiefenerlebnisses im Raumgebilde.

Von

August Schmarsow.

»Der Untergang des Abendlandes« ist der Titel eines Werkes von Oswald
Spengler in München, das »Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte« geben
will. Dessen erster Band (1917) behandelt aber im allgemeinen »Gestalt und Wirk-
lichkeit«. Er ist mir vor kurzem erst in seiner zweiten Auflage (von 1919) vor Augen
gekommen. So fand ich erst jetzt, was der Name des Ganzen kaum im voraus er-
warten läßt: außerordentlich wichtige Bestätigungen meiner noch im zweiten Heft
des XIV. Bandes dieser Zeitschrift wiederholten Ansicht über die Vorzugsrechte der
dritten Dimension im menschlichen Raumgebilde. Deshalb mag es nicht anders als
berechtigt erscheinen, wenn hier einige entscheidende Stellen aus dem genannten Buch
herausgehoben und im Zusammenhang mit den eigenen, damals gegenüber Walzel
verfochtenen, psychologischen Beobachtungen erörtert werden. Dieser Nachtrag wird
um so notwendiger gefordert, als auch bei Spengler sich mehr als einmal über die
drei Dimensionen, die wir herkömmlicherweise nun einmal zu unterscheiden pflegen,
die nämliche irreführende Angabe findet, die uns bei Walzel befremdet hatte, näm-
lich mit Auslassung der Vertikalachse des Koordinatensystems, die wir Fach-
leute als »Höhe« zuerst zu nennen gewöhnt sind.

»Das eigentliche Problem im Phänomen des Ausgedehnten«, heißt es bei Speng-
ler S. 240, »knüpft sich an das Wesen der Tiefe — der Ferne oder Entfernung —,
deren abstraktes Schema im System der Mathematik neben Länge und Breite als
»dritte Dimension« bezeichnet wird«. Da fehlt also offenbar die Höhe, die wir an-
deren als erste Dimension ansetzen. Und dies Vergessen der eigentlich kon-
stituierenden Hauptachse der Koordinaten zieht seine unausbleiblichen Folgen nach
sich — für das Verständnis des Raumgebildes, sei es der allgemeine Raum, den
Kant als Anschauungsform a priori gegeben hielt, oder sei es ein konkreter Raum,
von Menschenhand geschaffen, ja unter Menschenhänden soeben erst erwachsend,
die architektonische Raumgestaltung, auf die es uns ursprünglich allein ankam. Ist
das überhaupt nur ein Flüchtigkeitsfehler, auch eines anscheinend gewiegten Mathe-
matikers, oder eine bewußte Ausschaltung der Vertikale, die wohl jeder Architekt als
die wesentlichste Mitgift der eigenen Körperlichkeit des Menschen voraussetzt? Ich
wenigstens hatte schon in meiner Leipziger Antrittsrede von 1893 über »das Wesen
der architektonischen Schöpfung« gerade von ihr den Ausgangspunkt genommen:
»Solch Raumgebilde ist eine Ausstrahlung des in ihm gegenwärtigen Menschen« —
schrieb ich — »eine Projektion aus dem Inneren des Subjekts«, um sogleich die
schöpferische Tätigkeit in ihre Rechte einzusetzen. Der Mensch trägt ja »die Domi-
nante des Achsensystems, das Höhenlot vom Scheitel an die Sohlen in sich selber«. —
»Die Architektur, unsere Raumgestalterin, schafft als ihr Eigenstes, das keine andere
Kunst zu leisten vermag, Umschließungen unserer selbst, in denen die senkrechte
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